12.8.2016 – Jugendstilrotbullig: Mahlers Dritte in Toblach

gustav-mahler-grandhotel-toblach-dobbiacoJugendstil statt Décadence: Im aus kakanischer Vorzeit auf uns gekommenen Grand Hotel Toblach, durch das der Geist Gustav Mahlers spukt, befindet sich heute eine Jugendherberge. Ebenso erfrischend ist es, wenn ein vorzügliches Ensemble junger Musiker, nämlich (Achtung:) Orchester und Chor der Musikakademie der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Konzertsaal des Grand Hotels einen Brocken wie Mahlers Sinfonie Nr. 3 wuppt. Angesichts dieses juvenilen Flairs hat der Konzertgänger seine sechsjährige, mit der Bernstein-Aufnahme wohlpräparierte Tochter mitgebracht, deren lebhafter Fantasie Mahlers blumige Klangsprache durchaus entgegenkommt.

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12.8.2016 – Jugendstilrotbullig: Mahlers Dritte in Toblach

11.8.2016 – Kleinfingersingend: Grigory Sokolov in Bozen

Am Konzertgänger ist ein gutbetuchter Rentier verlorengegangen: Er wüsste sich Übleres vorzustellen als den lieben Sommer lang den Musikern seines Herzens nachzureisen. Aber manchmal tun sich auch im turbulenten Familienurlaub Gelegenheiten auf. Zum einen, weil im schönen Pustertal bemerkenswert viele schöne Konzerte stattfinden, zum anderen, weil beim Festival Bozen neben wunderbaren jungen Ensembles wie dem Orchester der Gustav Mahler Akademie oder dem Theresia Youth Baroque Orchestra auch Musiker von Weltrang wie Jordi Savall, Christian Gerhaher und Grigory Sokolov sich die Klinke in die Hand geben.

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11.8.2016 – Kleinfingersingend: Grigory Sokolov in Bozen

16.7.2016 – Hörstörung (5): Zisch bei Sciarrino

Noch eine nicht unangenehme Hörstörung: Während sich in Szene III von Salvatore Sciarrinos Oper Luci mie traditrici, die der Konzertgänger am Samstag zum dritten und letzten Mal in der Staatsoper im Schillertheater nicht sah (denn diesmal hielt er die Augen siebzig Minuten lang geschlossen), sondern hörte, wobei er feststellte, dass diese Musik jedesmal noch schöner und noch reicher wird, die ehebrecherischen Stimmen der vorzüglichen Mezzosoprane der Gräfin und des Gasts, vom Flageolieren, Flackern, Fiepsen des Kammerorchesters umflattert, auf- und ineinander rankten, wanden, schlangen, ließ sich im Rang plötzlich ein organisch sich einfügendes Zischen vernehmen, wie es beim Öffnen einer warmen Flasche kohlensäurehaltigen Mineralwassers entsteht.

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16.7.2016 – Hörstörung (5): Zisch bei Sciarrino

15.7.2016 – Hörstörung (4): Plopp bei Stockhausen

Während der im Rahmen des heute endenden Festivals Infektion! vom Pianisten Adrian Heger in der Werkstatt der Staatsoper im Schillertheater so beeindruckend kompetent wie spielfreudig dargebotenen Klavierstücke I bis IX (1952-61) von Karlheinz Stockhausen, die der Konzertgänger sich zwischen einem erneuten Besuch von Salvatore Sciarrinos zwar recht oberflächlich, mitunter rosenkavalierchargenhaft inszenierter, doch sagenhaft schön tönender Oper Luci mie traditrici (heute zum letzten Mal) und dem an Hegers Rezital anschließenden Gesang der Jünglinge, Stockhausens elektronischer Pioniertat, einer im Jahr 2016 historisch interessanten, wenngleich akustisch öden Hörerfahrung, mit wachsendem geistigen und seelischen Gewinn anhörte, kam es – und zwar im III. oder IV. Klavierstück, die im Gegensatz zu den späteren, aus dem und in den Klang entstehenden, figurationenreichen Stücken für Konzertgängers Ohren noch nach bloßer serialistischer Parameterware klingen – zu einem unerhörten Ereignis, als in der streng determinierten Abfolge von Dauern, Höhen und Farben plötzlich das aus jeder Ordnung schlagende Ploppen des Bügelverschlusses einer Bierflasche zu hören war.

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15.7.2016 – Hörstörung (4): Plopp bei Stockhausen

12.7.2016 – Delizioso: Philippe Jaroussky singt dem Konzerthaus Adieu

Che città, che città, che costumi, che gente sfacciata ed insolente! Was für eine Stadt, was für Sitten, was für dreiste und pampige Leute! Dieses hübsche Rezitativ von Francesco Cavalli gehört zum Programm, mit dem der Countertenor Philippe Jaroussky sich nach einem Jahr als Artist in Residence des Konzerthauses von Berlin verabschiedet. Nachdem er vor fünf Wochen den vorgesehenen Saisonhöhepunkt bronchitishalber absagen musste (seine Vertreterin machte das Konzert dennoch zu einer Sternstunde), hat er sicht- und hörbar erholt eine Schatzkiste voll italienischer, vor allem venezianischer Musik mitgebracht: ein abwechslungsreiches und durchdachtes, großteils attacca ineinander übergehendes Baroquepourrie, von dessen Komponisten (secondo la fama) dieser vergiftet wurde und jener einen Kastraten erdolchte.

ArtaserseBegleitet, und mehr als das, wird Jaroussky vom französischen Ensemble Artaserse, das nach einem altpersischen Opernstar benannt ist und so spielt, wie Jaroussky singt: wunderbar klangschön, ausgewogen und geschmeidig, weniger affektschroff als andere Originalklinger.

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12.7.2016 – Delizioso: Philippe Jaroussky singt dem Konzerthaus Adieu

10.7.2016 – Traummörderisch: Salvatore Sciarrinos „Luci Mie Traditrici“ an der Staatsoper

Gesualdo3Was Brachvogel sein Friedemann Bach und Bartsch sein Schwammerl-Schubert war, ist der Avantgarde ihr Carlo Gesualdo (1566-1613): Es wurden nicht nur Gesualdo-Romane geschrieben und ein Gesualdo-Film gedreht (von Werner Herzog), sondern in den letzten 20 Jahren mindestens vier Gesualdo-Opern komponiert – von Alfred Schnittke, Franz Hummel, Marc-André Dalbavie und Salvatore Sciarrino. Konjunktur eines Stoffs, als lebten wir in seliger Barockoperzeit! Und während sich die alten Komponisten wenig um die historischen Xerxes oder Nero scherten, so geht es heute mehr um den durchgeknallten Ehrenmörder Gesualdo als um „10.7.2016 – Traummörderisch: Salvatore Sciarrinos „Luci Mie Traditrici“ an der Staatsoper“ weiterlesen

10.7.2016 – Traummörderisch: Salvatore Sciarrinos „Luci Mie Traditrici“ an der Staatsoper

Dieser Blog geht vorzeitig in die Sommerpause. Nicht wegen der Fußball-EM, sondern aufgrund bevorstehender neuer Deszendenz in der Familie des Konzertgängers.

Vielleicht kommt es im Juli und August zu einzelnen Konzertbesuchen. Ansonsten wird es im September weitergehen.

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