8.3.2017 – Pianissimokraftvoll: Barenboim & Radu Lupu spielen Schubert im Boulezsaal

Der Pierre-Boulez-Saal (der sich offiziell Pierre Boulez Saal schreibt, warum?) hat die schöne Eigenschaft, sich schon beim zweiten Besuch völlig vertraut anzufühlen. Beim Eröffnungskonzert saß der Konzertgänger im Parkett, diesmal im Rang: Den zu betreten ist ein Wanken und Schwanken machendes Erlebnis, aber für Menschen mit Neigung zu Schwindelgefühlen dem Parkett unbedingt nachzuziehen. Nicht wegen der Höhe, sondern wegen des achterbahnartigen Auf- und Abwärtsschwungs, mit dem der Rang den Saal umkreist.

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Für erfahrene Alpinisten, Teufelsbergbezwinger und Philharmonie-Block-G-rechts-Besucher ist das allerdings kein Problem, sondern eine überwältigende Raumerfahrung. Man darf nur nicht geistesabwesend das Programmheft aufs abschüssige Geländer legen!

Für Vertrautheit sorgt auch das Personal: Daniel Barenboim und Radu Lupu spielen vierhändig Franz Schubert. Das sind nicht nur warmherzige und -fingrige Pianisten, sondern auch zwei Erscheinungen von derart grundgütiger Maskulinität, dass ihr Auftritt zum Weltfrauentag ganz richtig erscheint. Wenn alle old white men so wären, hätte die Welt weniger Probleme!

Mehr Franz Schubert würde erst recht helfen. Schubertiaden gehen immer und überall, in Salons, in Fabrikruinen, in Kriegsträumen (Waltz with Bashir) und eben auch im akustisch hochtransparenten Boulezsaal. Der Abend mit vierhändiger Klaviermusik ist der Auftakt zu einem Schubert-Schwerpunkt in den kommenden Wochen.

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Auch im Rang sitzt und hört man sehr dicht an den Musikern. Interessant, dass der Klang hier oben etwas verwaschener ist als im Parkett. Immer unter der Prämisse, dass im Boulez-Saal auch der verwaschenste Platz klarer ist als der klarste Platz in manchem verwaschenen Saal. Nun sind Barenboim und Lupu nicht gerade die größten Deutlichkeitsfanatiker unter der Pianistensonne; es wird interessant sein, im Juni András Schiff zu hören.

Barenboim und Lupu spielen am gänzlich geöffneten Steinway-Flügel (jedoch nicht der Steinway-Maene-Spezialanfertigung mit dem Namen Daniel Barenboim). Natürlich fehlt ihnen (obwohl es schöne vierhändige Aufnahmen von ihnen gibt) der Feinschliff eines langjährig miteinander verwachsenen Klavierduos, dafür leuchtet ihr Spiel von Individualität und Persönlichkeit.

Radu Lupu sitzt tiefer und, wie immer, angelehnt. Wenn Ravels Satz gilt: Die größte Kraft auf der Welt ist das Pianissimo, dann ist Lupu der kraftvollste Klavierspieler auf Erden. Sein Anschlag ist wohl das, was man sublim nennen muss. Nichts bewegt sich an Lupu außer den Fingern. Von ziemlich weit unten berühren seine Fingerkuppen die weißen und schwarzen Tasten an ihren äußersten Spitzen. Zwar verschluckt er den einen oder anderen Ton, und gelegentlich (aber seltener als erwartet) wird auch ein Ton vom Ton seines Partners verschluckt.

Aber viel erstaunlicher ist, mit welch gelinden, sanft getupften Tönen Lupu durchzudringen vermag. Das liegt auch an der Sensibilität von Daniel Barenboim, der sich sehr zurücknimmt  und nicht so pauschal zugreift, wie man ihn bisweilen schon gehört hat. Lässt Lupu im Bass eine tiefenentspannte Melodielinie aufleuchten, perlt Barenboim feinsinnig silbrig im Diskant.

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Secondo in Schuberts Originalmanuskript

Denn meistens spielt Barenboim die Oberstimme und Lupu den Secondo-Part. Nur im berühmtesten und vielschichtigsten Stück des Abends ist es umgekehrt: der Fantasie f-Moll D 940. Eines jener endzeitlichen Schubert-Werke, nach denen man eigentlich für eine Weile gar keine Musik mehr hören will. Für etwa, sagen wir, den Rest seines Lebens. Auch wenn es vereinzelt zu Missverhältnissen im Anschlag kommt, ist es gut, dass Barenboim hier den Bass und Lupu den Diskant übernimmt. So hat die Höhe mehr gläsern himmelwärtiges Sehnen und die Tiefe physischere Bedrohlichkeit, die die Höhe manchmal zu verschlingen droht. Im Hin und Her zwischen zarten und energischen Momenten (in den Mittelsätzen dominiert Barenboim) hält man den Atem an.

In diesem Rezital ist die Fantasie nicht das Ende der Welt, sondern ihre Mitte. In den anderen Stücken des Abends sitzt Lupu links, Barenboim rechts. In der Sonate B-Dur D 617 entrollt Lupu sanfte Echos in der Tiefe. Überhaupt entstehen große Momente, wenn Lupus Secondo melodische Linien übernimmt und zart hervortritt. Nach der Pause scheinen die Pianisten sich noch wärmer gespielt zu haben, oder der Konzertgänger hat sich wärmer gehört, das ist nicht immer zu unterscheiden. Das Divertissement sur des motifs originaux français e-Moll D 823 bezaubert ebenso mit ausgewogenem, relaxten Duo-Klang wie die Zugabe, Schuberts Rondo A-Dur D 951.

Wenn Barenboim und Argerich an ein liebevolles altes Ehepaar erinnern, dann Barenboim und Lupu an ein liebevolles altes Ehe-für-alle-Paar. Und wen selbst das nicht rührt (wäre das möglich?), den rührt Barenboim, als er im Hinausgehen seinen Blumenstrauß einer älteren Dame im Rollstuhl schenkt.

Fazit: Für akustische Überwältigung eher ins Parkett, für visuelle Überwältigung in den Rang. Richtig schlechte Plätze scheint es aber nicht zu geben (anders als etwa im Konzerthaus), die bestechend klare Akustik polarisiert aber.

Notwendige Beobachtungen am Rande: Sasha Waltz und Jochen Sandig im Publikum. Sandig, der beim zweiten Eröffnungskonzert in der Pause dem Personal Löcher in den Bauch fragte (Kulturindustriespionage?), schläft bei der Zugabe tief und fest. Oder ist der tiefhängende Kopf nur Ausdruck höchster Konzentration? Michael Barenboim, gleich daneben, ärgert sich zurecht über eine Hörerin, die in die Musik hinein ein Foto knipst.

Ein Totalausfall ist bisher nur die beengte Garderobe, fürs Abholen muss man trotz rasanten, netten Personals bis zu einer halben Stunde einplanen. Was lässt sich da tun? Eine sinnige Gegenmaßnahme ist schon mal, dass die Bar nach dem Konzert geöffnet ist (Wunsch für die Philharmonie!). Man kann also erstmal Brut à 10 Euro oder Tee mit frischer Minze à 3 Euro trinken, auch Hähnchenspieße mit Hommus à 8 Euro gehen sich bequem aus. Und danach unbedrängt den Mantel holen. Für Eilige der Geheimtipp: Kleine Zweitgarderobe im oberen Stockwerk.

Weitere Kritik: Online Merker, Tagesspiegel

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8.3.2017 – Pianissimokraftvoll: Barenboim & Radu Lupu spielen Schubert im Boulezsaal

5 Gedanken zu “8.3.2017 – Pianissimokraftvoll: Barenboim & Radu Lupu spielen Schubert im Boulezsaal

      1. Ach so, Parkett hinten saß ich tatsächlich noch nie. Aber Parkett generell finde ich gar nicht übel. Es sei denn man hört das Konzerthausorchester, bei dem die Intonation der Streicher schon sehr unsicher sein kann. Aber stimmt schon, lieber im Rang, wobei man dort auf einen Teil der Streicher verzichten muss, ähnlich den eigentlich sehr schönen G-rechts-Plätzen in der PH..

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        1. Ja, Parkett so Reihe 8 ist im Konzerthaus gut. Aber gleich daneben gibt es flattrige Plätze. Ich finde 1. Rang seitlich Mitte oft gut, auch die Logen teilweise. Auch ein paar von den billigsten, entferntesten Plätzen im 2. Rang sind gut, andere da oben wiederum gar nicht. Das Konzerthaus hat einen hohen Überraschungsfaktor.
          Auch die Philharmonie hat ja heikle Regionen und der Kammermusiksaal noch viel mehr, wohl wegen der unproportionalen Raumhöhe. Im Boulezsaal, wo die Proportionen ähnlich sind, merke ich das aber nicht so.
          Man sollte mehr über die (geheimen) guten Plätze sprechen. Jaja, Akustiker müsste man sein. Oder auch lieber nicht. Ich habe jetzt einige Leute getroffen, die den Toyota-Sound (Elbphilharmonie und Boulezsaal) hassen.

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          1. Da ich heute Nacht vom Konzerthaus geträumt habe, fühle ich mich zu einer raschen Antwort aufgerufen. Leider sieht man im Konzerthaus vom Parkett vorne die Bläser nicht, aber ich habe von der 1. Reihe Parkett schon manches sehr gute Konzert erlebt, Nelsons Eroica, Barenboim Bruckner. Seltsamerweise sitze ich im 1. Rang so gut wie nie. Wenn Rang, dann 2., und dann doch lieber in der Nähe des Orchesters, also quasi über dem Orchester. In einer Loge saß ich nur einmal, ich fand es schrecklich. Teilweise stehen dort die Leute ja auf während des Konzerts. Bei mir überwiegt im Zweifel der Wunsch nach Nähe zum Orchester (ich sag mal zur Lautquelle Orchester) den Wunsch nach einem möglichst umfassenden Klangbild, deshalb in der Philharmonie lieber G rechts oder F als C Mitte oder hinten. Manchmal habe ich so auch Lust auf Podium, falls nicht zu viel Pauke vorkommt oder die Hörner zu acht spielen.

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