Hochseetüchtig? Dirigent Moritz Gnann zur Wiederaufnahme von „Billy Budd“ an der Deutschen Oper

WinslowHomer-Eight_Bells_1886Zu den verdienstvollsten Bemühungen der letzten Jahre an der Deutschen Oper gehört das Engagement für das Werk von Benjamin Britten — zuletzt Death in Venice. Frommer Wunsch, weil’s wahrscheinlich der Highway to Pleite wäre: nicht nur Verdi- und Wagner-Wochen, sondern einmal eine Britten-Woche, inklusive The Rape of Lucretia.

Jetzt kommt der großartige Billy Budd wieder, jene geheimnisvolle Melville-Veroperung, in der es nicht nur um Männerliebe geht, die sich nicht anders als in Hass auszusprechen vermag, sondern auch um die mystische Kraft des Stotterns. Wo wird in der Operngeschichte sonst so bedeutungsvoll gestottert?

Der Dirigent Moritz Gnann dirigiert Billy Budd dreimal (24. & 26. Mai, 2. Juni), zudem in einer kuriosen Kombination Donizettis L’Elisir d’Amore am 23. & 27. Mai. Zuvor hat der dem Konzertgänger ein paar Fragen beantwortet.

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Auf hoher See gibt es keine Frauen. „Billy Budd“ ist eine reine Männerwelt, so wie zum Beispiel auch Melvilles „Moby Dick“ (sobald der Walfänger abgelegt hat). Es ist sogar eine doppelt männliche Sphäre, die „Indomitable“ ist ja ein Kriegsschiff. Manche Hörer, meine Frau etwa, finden eine Oper nur mit Männerstimmen großartig. Aber was könnte man einem Opernfreund sagen, den das Fehlen von Frauenstimmen abschreckt?

Bevor ich mit dem Studium von „Billy Budd“ begonnen habe, habe ich mir genau die gleiche Frage gestellt: Warum schränkt sich der Komponist stimmfarblich so sehr ein? „Billy Budd“ spielt jedoch auf einem englischen Kriegsschiff im späten 18. Jahrhundert. Wie sollte man da Frauenstimmen rechtfertigen? Britten bedient sich insgesamt 17 männlicher Solo-Partien aus ganz unterschiedlichen Stimmfächern, die für vokalen Farbreichtum sorgen. Die Monologe von Captain Vere, Billy Budd und John Claggart, die abwechslungsreichen Ensembles und die großartigen Chormomente werden jedem Opernfreund zusagen!

Wie spiegelt sich denn die vokale Schlagseite nach Bassbord in den Instrumenten? Wie reagiert der Orchesterklang auf diese Reduktion auf Männerstimmen?

Allgemein kann man sagen, dass tiefe Streicher, tiefes Blech, Kontrafagott und Bassklarinetten viel beschäftigt sind und für eine dunkle Atmosphäre sorgen, während die hohen Instrumentengruppen eher strukturell und motivisch eingesetzt werden.

Northeaster_by_Winslow_Homer_1895In keiner anderen Oper hat Britten so ein großes Orchester aufgeboten. Klingt das pompös? Und: Kann man in „Billy Budd“ das Meer hören?

Ja, das Meer hören Sie gleich am Anfang des Stückes in den Streichern. Das Billy-Budd-Orchester ist in der Tat sehr groß besetzt mit teilweise 4-fachem Holz, 4 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba und einer ganzen Phalanx von Schlagzeugern. Pompös klingt es jedoch nie. Selten spielt das gesamte Orchester auf einmal. Britten nutzt Instrumentengruppen in ganz unterschiedlichen und außergewöhnlichen Kombinationen. Zum Beispiel hohe Holzbläser und tiefe Streicher, 4 Trompeten und Harfe. Es gibt viele kammermusikalische Episoden in der Oper, in der nur zwei Bassklarinetten und ein Solo-Cello oder nur das Saxophon spielen. Wenn tatsächlich das ganze Orchester im Einsatz ist, sorgt Britten durch dynamische und rhythmische Raffinesse für Transparenz.

Als Laie stelle ich mir immer vor, dass man als Operndirigent schon genug damit zu tun hat, so ein Repertoire-Schiff am Kentern zu hindern, hier mal ein Leck abzudichten, dort sich gegen das Steuerrad zu stemmen, um die Richtung zu korrigieren. Wie stark kann man da als Dirigent überhaupt Akzente setzen, gerade bei einer Wiederaufnahme?

„Billy Budd“ ist kein klassisches Repertoirestück und wir haben für die Wiederaufnahme neben den musikalischen Proben für Solisten und Chor auch Orchesterproben und Bühnenorchesterproben angesetzt. Als Dirigent empfindet man den Probenzeitraum immer als zu kurz, aber es war mir durchaus möglich, Akzente zu setzen.

Sie sind seit 2015 „assistant conductor“ des Boston Symphony Orchestra. Das ist ja nicht weit vom Ort, wo Herman Melville selbst in See stach. Verändert dieser local spirit das Ohr für die literarische Seite von „Billy Budd“?

Nein, aber was für ein schöner Zufall!

Und wie fühlt sich die Deutsche Oper an, wenn man vom famosen Boston Symphony Orchestra dorthin zurückkommt? Wie eine abgetakelte Fregatte oder halbwegs hochseetüchtig?

Vollständig hochseetüchtig! Es ist unglaublich was Ensemble, Orchester, Chor und Technik am Haus leisten. Ich arbeite ganz besonders gern mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin. Während meiner dreijährigen Festanstellung am Haus habe ich von dem Orchester so viel gelernt wie von keinem anderen.

Außer „Billy Budd“ dirigieren Sie dieser Tage auch zwei Aufführungen von „L’Elisir d’Amore“. Donizetti und Britten, eine ziemlich schräge Kombination, oder? Oder gibt es in „Billy Budd“ gar eine Spur von Belcanto?

In der Tat ein starker Kontrast!

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