Entbretternd: RSB und Pietari Inkinen spielen Janáček und Sibelius

Marc-blue-black_foxEs gibt Programme, die einen retten, wenn man gerade ganz vernagelt ist im eigenen Kopf und die innere Welt vor lauter Brettern nicht sieht. Ein solches Programm spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter dem jungen Finnen Pietari Inkinen im Konzerthaus.

Die Welt dieses Programms ist bevölkert von galoppierenden Helden an nordischen Meeren und von sentimentalen Förstern in böhmischen Wäldern. Und natürlich von einer mystisch-erotischen Füchsin: Die posthum zusammengestellte Suite aus Leoš Janáčeks Oper Das schlaue Füchslein steht in der Mitte des Programms, zwischen Sibelius und Sibelius. 

Hört man Janáčeks rhythmisch und harmonisch vertracktes Waldweben, ist man als Deutscher leicht bedröppelt, was bei uns immer für ein Gewese ums Waldweben im Siegfried gemacht wurde. Bei Janáček schaut und hört man kein Bild an, sondern man ist im Wald mit seinen mannigfaltigen Eindrücken, den überwältigenden, betörenden wie auch den verwirrenden und lästigen. Die hohen Streicher des RSB ziehen schimmernde Fäden und die Holzbläser schwirren, dass man unwillkürlich die Hand zum Dreinwedeln erhebt. Aber nicht zum Dreinschlagen, denn es sind gar zu zauberhafte Naturwesen, die uns um und ins Ohr flimmern.

Zwanzig Minuten, ein tiefsinniger Waldgang, auf dem sich eine ganze Welt voller Sehnsucht und Liebe auftut. Dabei ist eine Suite ja bloß ein Opernquickie. Wenn das RSB mal wieder konzertante Opern machen will, dann gern Janáček. Das lohnt den Konzertsaal. Müsste sich halt ein Publikum finden, das es zu schätzen weiß!

c6b4e95bddbeb49a70af40afe40f2677Davor und danach Jean Sibelius. Das eröffnende Stück Lemminkäinen zieht heimwärts, die Nr. 4 aus der Suite opus 22, ist auch so ein Quickie. Eigentlich steht dieser fröhliche Schlussgalopp ja am Ende eines düsteren Zyklus, der den finnischen Achilles und Liebling der Frauen (so Sibelius) zwischendurch ins Reich des Todes geführt hat; der berühmte Schwan von Tuonela gehört dazu. Wäre schön gewesen, das Ganze zu hören. So ist es ein flotter Auftakt, der zur Mutter heimgaloppierende Lemmi wirkt da freilich wie ein ziemlicher Simpel.

Dafür gibts am Schluss mit Sibelius 1. Sinfonie e-Moll op. 39 (1899) doch eine rechte Rarität in extenso. Schon ein faszinierendes Ding. Ungestüm bis ungeschlacht zwar, irritierend verwandt mit Tschaikowskys Fünfter. (Den zweiten Satz hätte Adorno, analog zur sonnigen Mondnacht auf der Krim, als sternenklaren Sommertag auf Utö schmähen können.)  Auch wiederholen sich gewisse Figuren, die schon beim ersten Mal nicht so dolle sind, ein klein wenig häufig. Aber wie aus dem Nichts breiten sich dann immer wieder herzwärmende Streicherflächen aus, für die man noch ganz anderes hergäbe als nur ein Gran Geduld. Und es ist jederzeit Musik, die etwas will, die brennt.

Marc_-_Landschaft_mit_Haus,_Hund_und_Rind.jpegMan ist für diese Sinfonie bereits bei den ersten Tönen gewonnen: wenn man Oliver Links traumhaftes Klarinettensolo über geheimnisvollem Paukenraunen hört. Überhaupt sehr beredtes Holz beim RSB, dazu kraftvolles und schwermütiges Blech, nicht nur im hörnerseligen Adagio. Ein warmer Streicherklang, man merkt Pietari Inkinen an, dass er von Haus aus Geiger ist. Er dirigiert mit großer Verve und Leidenschaft für diese Musik. Die plakativen Kontraste der Sinfonie betont er vielleicht mehr als dem Saal guttut (aber das ist wohl der sinfonische Geist um 1900), und bei der Kohärenz des Orchesters muss man hier und da kleine Abstriche machen; man hat das RSB schon präziser gehört, Inkinens Schlagtechnik scheint nicht zu jedem Zeitpunkt über jeden Zweifel erhaben.

Aber was macht das schon, wenn es einem Konzert gelingt, die Bretter vor fernen, inneren Welten fortzureißen?

Zwei reizvolle Konzerte gibts beim RSB noch vor der Sommerpause: am 14.6. mit dem wunderbaren Thibaudet in Liszts 2. Klavierkonzert und am 29.6. mit dem baldigen Chefdirigenten Vladimir Jurowski. Beide Termine lohnen, garantiert.

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