28.1.2017 – Salonnostalgisch: Vogler Quartett und Jochen Kowalski à la russe

Russisches Wochenende im Konzerthaus: Während es im Großen Saal zwei Großviecher des russischen Repertoires gibt (formidabel, wie man liest), präsentiert das Vogler Quartett im Kleinen Saal phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind: in den Petersburger Salons des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

der_junge_tschaikowskiDass sich für diese exotische Fauna ein etwas anderes Publikum interessiert als sonst, zeigt sich bereits in Tschaikowskys 1. Streichquartett D-Dur op. 11, in dem jeder Satz enthusiastisch beklatscht wird. Was zu den erträglichen Hörstörungen gehört, weil es ja zeigt, dass die sich als Kenner Wähnenden nicht unter sich bleiben (um gemeinsam auszusterben). Das Vogler Quartett spielt lebendig, freudig und ohne zu großen Wohlklang – ein Pluspunkt, wenn Tschaikowsky nicht im schönen Ton ertrinkt. Die direkte Akustik des Kleinen Saals, in dem man jedes Atmen und Knarzen der Instrumente spürt, trägt dazu bei. Für Kammermusik besser geeignet als der Kammermusiksaal, das muss mal gesagt werden.

Zwei weitere Instrumentalstücke: ein Prélude aus Reinhold Glières Huit Morceaux für Violine (Tim Vogler) und Cello (Stephan Forck) und ein Walzer aus Alexander Glasunows Cinq Novelettes op. 15, ein Juwel. Gern mehr Glasunow, gern im Ganzen.

Und dann kann es passieren, dass man in einem Konzert spürt, dass man zu einer Bewertung nicht berufen ist. Weil man nicht zur Zielgruppe gehört und weil da musikalisch etwas geschieht, was einen ratlos macht. So geht das dem Konzertgänger mit dem Auftritt des legendären Countertenors Jochen Kowalski, der (gemeinsam mit dem Pianisten und geschickten Arrangeur Uwe Hilprecht) bei den Voglers zu Gast ist. Oft sind die Vogler-Gäste Hits, da gab es zuletzt dolle Abende mit dem Silver-Garburg Piano Duo, Taner Akyol, Moritz Eggert, Jörg Widmann.

Heute Abend mehr Nostalgie. Eine Weltwunderstimme mit Koloraturzauber durfte man angesichts des Alters und Programms natürlich ohnehin nicht erwarten. Ein Teil des in Würden ersilberten Publikums wird bei Kowalskis Stimme eigene Erinnerungen mithören, was ja völlig in Ordnung ist.

mikhail_glinka_by_ilya_repinAber wenn man die nicht mithört, kann es schwierig werden. Es sind famose Ohrwürmer dabei, v.a. von Michail Glinka, der ruhig mal wieder auf einer der ca. 27 Berliner Opernbühnen erscheinen dürfte. Und es sind ganz unbekannte Sachen, das ist immer gut. Aber ist es die richtige Stimme für diese Musik? Der Konzertgänger würde doch dem jungen Countertenor Daniel Gloger beipflichten, der nur Altes und Neues singt, aber sich von romantischer Musik fernhält, weil sich das Artifizielle seiner Gesangskunst nicht mit der Forderung nach unverstellter Emotionalität vertrage. Das ist natürlich auch eine Glaubensfrage, Kowalski hat ja schon anne dunnemal die Schöne Müllerin gesungen. Und über Glaubensfragen sollte man nicht streiten, sondern leben und leben lassen.

Offenkundig ist Kowalski mit dem Russischen tief vertraut. Man hat das Gefühl, alles zu verstehen, auch wenn man kein Wort Russisch kann. Als Sprecher im Deutschen überzeugt er weniger: Die verwaschene Rezitation durchs Mikro gereicht Anton Arenskys kuriosem Melodram Wir waren einst so schön, so frisch die Rosen nicht zum Vorteil. Und in Kowalskis jovialen, keinesfalls zu kurzen Moderationen kommt etwas Ein Kessel Buntes-Flair auf.

Auch eine Erfahrung, selbst mal der Bornierte zu sein, dem es nicht gelingt, sich einzulassen.

Nun ja. Am 11. März gibt es wieder Streichquartette pur. Vielleicht ist ja auch der ein oder andere Kowalski-Fan auf den Geschmack gekommen.

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