Kurtágesk: „Kafka-Fragmente“ mit Anna Maria Pammer und Patricia Kopatchinskaja

Franz_Kafka_-_Mann_zwischen_GitternLate-Night-Formate sind die wahren Familienkonzerte: Wenn die braven Kinder schnarchen und auch die Ehefrau holdselig schlummert, dann huscht der unruhige Konzertgänger leise ins Konzerthaus zu György Kurtágs Kafka-Fragmenten. Hoch oben im gold- und glitzerfreien Werner-Otto-Saal, erst blau illuminiert wie ein Weg im Herbst oder ein hoher Traum, später rot wie die Süßigkeit der Trauer und der Liebe — oder aber wie die Jagdhunde im Hof.

Anna Maria Pammer singt, Patricia Kopatchinskaja geigt.

Kurtágs Kafka-Fragmente zum Abschluss von Kopatchinskajas Jahr als Artist in Residence (ein Volltreffer fürs Konzerthaus), das ist nicht nur originell, das ist ein Statement: für neue Klassiker. Kafkas Formeln, Miniaturen, Bilder sind das Gegenteil von Aphorismen, man könnte irre werden auf der Suche nach Sinn und Pointen. (Hier die Texte.) Und György Kurtágs kleinteilige, extrem verdichtete Musik ist genau wie Anton Webern, nur völlig anders: witzig, sinnlich, sprechend und expressiv, ja romantisch. So mysteriös wie mitziehend. Kurzum, kurtágesk.

Kafka-transition

Verkapselte Dramen sind darunter, in denen Pammers Sopran sich in die andern verwandelt, die sich aus dem gleichen Schritt der Geige herausreißen. Die Geige zupft den Sopran am Kleid, verwandelt sich flugs in den Gezupften und schüttelt den Zupfer ab. Denkt der Sopran an einen Beinbruch, das schönste Erlebnis meines Lebens, wird die Geige zur tickenden Lebensuhr. Die Geige zerschneidet der Stimme das Gesicht (Stolz) und lässt rauschend die Mähne des großen Pferdes im Wind fliegen.

Und singt Pammer in „Wenn er mich immer frägt“ vom ä, das sich los-löst vom Satz, gelingt es Kopatchinskaja, auf der Geige ein langes ä zu spielen. Das entsetzliche Nimmermehr, nimmermehr (das Kurtág mit einer Excommunicatio assoziiert, man aber auch mit E. A. Poes The Raven verbinden kann) füllt derartig den Raum, dass man sich im Nimmermehr gefangen sitzen weiß. Und wenn Pammer Nein! schreit, nein!, dann fliegen Kopatchinskaja die Haare vom Bogen.

Zwischen all diesen Dramenkapseln die endlos scheinende Meditation der Hommage-Message à Pierre Boulez:

Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über den Boden. Es scheint mehr bestimmt, stolpern zu machen, als begangen zu werden.

Ein unerträglich langsames Stück, die Geige wird zum Seil, das in Viertelton-Glissandi schwankt; und zugleich zum stolpergefährdeten Seiltänzer, der im Krebsgang an den Anfang zurückkehrt.

Das klingt alles wie selbstverständlich und ungeheuer schwer zugleich. Und schaut man nach dem Konzert auf die Noten, die auf den Ständern liegengeblieben sind, stehen einem die Haare zu Berge, weil es noch viel, viel schwerer aussieht, als es klang.

Franz_Kafka_-_Der_DenkerPammer und Kopatchinskaja sind mit dieser Musik offenbar tief vertraut — ein kongenial kurtágeskes Schlangenpaar, überaus deutlich, entschieden und nicht zuletzt sehr andächtig. Es ist kein Gag, sondern ganz aus dem Geist der Musik, wenn die Sängerin der Geigerin ruhelos pizzicanda in die Saite greift oder wenn die Geigerin einen Schlüssel aus dem Kleid zieht, um sich in der Besenkammer des Werner-Otto-Saals zu verbergen: Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke.

Und immer surrt und schnurrt die Lüftung des Werner-Otto-Saals, als wärs der Kosmos. Oder das eigene Selbst. Ob Kosmos oder Selbst: jedenfalls eine Besenkammer. Tritt man kurz vor Mitternacht hinaus in die milde Luft des Gendarmenmarkts, wo vor klassizistischer Kulisse laute Freiluftbars lärmen, weiße Bumper-BMWs (die Jagdhunde im Hof), die 5.-Stock-Disko Ecke Jägerstraße — dann würde man sich nicht wundern, wenn gleich Franz Kafka an einem vorbeispazierte. Vielleicht würde er uns sogar zunicken.

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Kurtágesk: „Kafka-Fragmente“ mit Anna Maria Pammer und Patricia Kopatchinskaja

7 Gedanken zu “Kurtágesk: „Kafka-Fragmente“ mit Anna Maria Pammer und Patricia Kopatchinskaja

  1. weltbetrachter schreibt:

    Das Summen der Lüftung (und/oder des Beamers für die Texteinblendungen?) wäre fast schon eine Ihrer „Hörstörungen“ wert. In den nicht wenigen leisen und spannungsgeladenen Passagen empfand ich es als durchaus störend.

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    1. Ich glaube, es muss die Lüftung sein, denn ich bemerke das jedesmal im Werner-Otto-Saal. Ich werde mal jemanden fragen.
      Bei anderen Gelegenheiten hat es mich mehr gestört, bei den Kafka-Fragmenten konnte ich es mir auch bei den leisen Stellen irgendwie reinrechnen. Aber Sie haben Recht, dass es eigentlich eine erhebliche Hörstörung ist.

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  2. Uwe Mohrmann schreibt:

    lach, WIEDER???Nö, da ist mir dann der Bettzipfel lieber als alles andere. Ich könnte dann nicht mehr losziehen. Gut in meiner Blüte Maienzeit war das auch anders, aber jetzt……..

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