Augenschließend: Beatrice Rana spielt Goldberg-Variationen

Canon_triplex_3Im Konzert gewesen. Verliebt.

Nicht in die Frau Beatrice Rana! Die wirkt zwar hinreißend, aber der Konzertgänger ist bereits verheiratet mit einer schlechthin vollkommenen Frau. Beatrice Ranas Klavierspiel aber weckt schon nach wenigen Tönen das unwiderstehliche Bedürfnis, die Augen zu schließen, um die Ohren so weit es geht zu öffnen. Der Konzertgänger gibt dem Bedürfnis nach und wird die Augen siebzig Minuten lang nicht mehr öffnen, bis zum letzten G mit dem himmlischen Vorschlag. Und das will bei einer so attraktiven Pianistin etwas heißen.

Denn schon die Aria von Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen BWV 988 kündigt an, dass das etwas Außergewöhnliches wird zum Abschluss des Berliner Klavierfestivals im Kleinen Saal des Konzerthauses. Rana spielt langsam, voller Anmut und Konzentration, mit fast sachlichen Verzierungen. Die Basslinie in der Linken, wo sich das Thema versteckt, hebt sie deutlich, aber ohne einen Anflug von Zeigefingerhaftigkeit hervor.

Was folgt, erfüllt die Verheißung dieses Auftakts: Jede Variation eine Aria, so kantabel  klingt Ranas Spiel. Alles Gesang, auch da, wo die Musik ihre Konstruktion vorführt.

Was soll man hervorheben? Ihre linke Hand, die zarte Linien tupft und da, wo sie kraftvoll zulangt, immer anmutig, ja entspannt klingt? Ihre feinen Crescendi und durchdachten Verzögerungen, mit denen sie Betonungen setzt und Spannung aufbaut, ohne je manieriert zu wirken oder etwas in Wahrheit Äußerliches in die Musik hineinzugeheimnissen? Den nie forcierten Abwechslungsreichtum ihres Spiels? Das immer wiederkehrende Gefühl: ja, genauso muss es klingen; obwohl Ranas Spiel nichts Belehrendes oder Demonstratives hat? Oder den wunderlichen Umstand, dass es in den drei längeren Pausen, die Rana in die ansonsten attacca gespielten Variationen einlegt, mucksmäuschenstill bleibt im Saal, keine Spur vom sonst üblichen Ab- und Aushusten?

Nicht nur der Konzertgänger hat sich also sofort in die staunenswerte Ernsthaftigkeit der Musikerin Beatrice Rana verliebt. Sogar der Yamaha-Flügel hat Schmetterlinge im Korpus: Die Goldberg-Variationen kommen seinen Vorzügen entgegen, weil sie nicht in die äußeren Lagen gehen. Sein ausgeglichenes Zentrum erlaubt der Pianistin die feinsten Abstufungen und Nuancen.

Die Augen nach siebzig Minuten wieder zu öffnen ist wie das Aufwachen aus einem beglückend hellen Traum. Stehende Ovationen, zum Glück dennoch keine Zugabe. Dankbar, dass es gewesen, untröstlich, dass es schon vorbei ist. Eminenter Trost: Beatrice Rana ist 24 Jahre alt, tatsächlich erst 24. Man wird sie also gewiss noch oft hören, mit den Goldberg-Variationen (die sie auch auf CD eingespielt hat) und anderen Stücken. Möge sie sich dies alles bewahren, ihre linke Hand und vor allem ihre ungeheure Ernsthaftigkeit.

Bis zum leibhaftigen Wiederhören:

Ein grandioser Abschluss des Berliner Klavierfestivals, das mit Yevgeny Sudbin aufregend begann und mit Christian Zacharias etwas enttäuschte. Elisso Virsaladze und Francesco Piemontesi hat der Konzertgänger reisebedingt leider verpasst, aber von Anwesenden höchstes Lob vernommen. Das nächste Klavierfestival findet aus Termingründen erst in zwei Jahren statt, unter anderem mit Nikolai Lugansky.

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