27.10.2016 – Zartbesaitet: Berliner Philharmoniker, Iván Fischer, Christiane Karg mit Enescu, Bartók, Mozart

Nach einem, wie man liest, exzellenten Beethoven mit seinem Konzerthausorchester dirigiert Iván Fischer (der soeben seinen Abschied aus Berlin angekündigt hat) bei den Berliner Philharmonikern ein originelles Programm, dessen Zusammenhang sich beim Hören enescu-la-parisaufs Wunderbarste erschließt: Enescu, Bartók, Mozart.

Das Prélude à l’unisson aus der 1. Orchestersuite von George Enescu (1903) ist ein rhythmisch freies und harmonisch kaum greifbares Streicher-Unisono. Bedeutungsträchtig cresciert schließlich die Pauke unter dem Streichergesang und diminuiert ebenso mächtig, bis die zwischen Folklore, Archaik und Avantgarde schillernde Musik im zartesten Flageolett entschwindet. Keine Spur von Sprödheit, der ungeheuer präzise Streicherklang der Philharmoniker strahlt herbe Wärme aus.

Ebenso zart, wie Enescus Prélude endet, setzt die Fuge von Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta (1936) ein. Im Programmheft erfährt man, Bartóks erster Satz sei ebenso wie das Enescu-Prélude nach der Fibonacci-Reihe konstruiert; wer das hören kann, gewinnt die Goldene Ehrenviola. Aber im (freien oder durchkonstruierten) Schreiten der Streicher sind die beiden sich klanglich nahe, obwohl im Charakter konträr: Enescus Geniestreich hat den Zauber des Einfachen, das komplex wirkt, Bartóks Meisterstück die Magie des Komplexen, das einfach scheint.

Nicht nur die Celesta funkelt ins Andante tranquillo, leider furunkeln auch Hustenattacken des Publikums hinein, die sich nach dem ersten Satz bis zum Bronchialkrawall steigern. Fischer und die Philharmoniker reagieren nicht mit brutaler Attacke, was verständlich wäre, sondern mit blanker tänzerischer Spielfreude im zweiten Satz: Turangalîla in glaszart, assoziiert der Konzertgänger. Unerwartet scharf schneidet dann das Xylophon in die Nachtluft des Adagios, das bei aller Schönheit nichts Wattiges hat, sondern etwas Unheimliches, ja Bedrohliches – auch ohne gleich an Kubricks Shining zu denken (und den Hustern Jack Torrance an den Hals zu wünschen):

Um so heller leuchtet der Morgen des Finalsatzes, ein zarter Vorglanz der Freude des Blutes der Sterne.

Man würde sich wünschen, dieses Konzert hätte keine Pause. Denn nach dem bläserfreien ersten Teil ereignet sich eine doppelte klangliche Offenbarung: Horn und menschliche Stimme erscheinen. Und was für eine Stimme Christiane Karg hat! Vollendete Anmut, tiefste Klage, äußerst wandelbar, technisch brillant ohnehin.

In der Arie Lungi da te, mio bene aus der Oper Mitridate KV 87 des 14jährigen Wolfgang Amadeus Mozart tritt als besonderer Reiz das Wechselspiel der weiblichen Stimme mit dem solistischen Horn (Félix Dervaux) hinzu, das ist nach Enescu und Bartók von überwältigender Wirkung. Dramatisch zugespitzt das Rezitativ Misera, dove son, das fast unmerklich in die Arie Ah! non son’io che parlo KV 369 übergeht, mit bravourös zerreißender Koloratur im delirar.

Der dramatische Geist von Christiane Karg schwebt noch über Mozarts Prager Sinfonie D-Dur KV 504. Federn und Fordern könnte das Motto von Iván Fischer sein, Zartheit und Hochdruck gehen eine wundersame, elegante Verbindung ein. Nie würde Fischer so schroff akzentuieren wie ein sogenannter historischer Aufführungspraktiker. Aber er setzt fein zwickende Spitzen, etwa in den Flöten am Ende des Andante. Die puschelfreien harten Paukenschlägel knallen heftig in der Einleitung des Kopfsatzes und im Finale. Vielleicht keine Prager Sinfonie, in der das allerletzte Feuer lodert, aber herzwärmender Mozart.

Preisfrage: Warum dirigiert Fischer die Prager Sinfonie aus zwei verschiedenen Partituren?

Gleiches Programm nochmal am Freitag. Kritiken im Schlatz-Blog, Tagesspiegel und Kulturradio.

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