6.11.2016 – Traumrosamundisch: Mandelring Quartett spielt Haydn, Schubert, Beethoven

Ein Leben ohne Streichquartette ist möglich, aber sinnlos. Also beginnt der graue und grausige November mit einer höchlich sinnhaften Woche, einem inoffiziellen Streichquartett-Festival: Bevor heute das Cuarteto Casals und am Donnerstag das Emerson String Quartet Berlin beehren und am Samstag das feine Vogler Quartett im Konzerthaus spielt, eröffnet das vorzügliche Mandelring Quartett seinen neuen Berlin-Zyklus mit einer klassischen Drei-Gipfel-Wanderung im Kammermusiksaal. Hayschubhoven.

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Im zarten Adagio von Joseph Haydns Streichquartett F-Dur op. 50, Nr. 5 Hob. III.48 lässt die erste Geige am Schluss ein Traumvögelchen aufflattern. Das Standardwerk über die kuriosen Beinamen von Haydnwerken muss wohl noch geschrieben werden, dieses fünfte der Preußischen Quartette (da von Haydn dem dicken Lüderjahn gewidmet) wird angeblich von irgendwem Ein Traum genannt. Vom sanftestmöglichen Beginn des Kopfsatzes führt der entspannte Groove dieses Quartetts über die apollinisch klare Träumerei des Adagios und das originelle Menuett in ein tänzerisches Finale mit eingebauter Rutschgefahr. Mögen die herrlichen Schleiferfiguren ungarischer, kroatischer, slowenischer oder sonstwelcher Provenienz sein, ohne Quietschen wärs feige. Den Mandelrings kann kein Erzfolklorist vorwerfen, sie würden akademisch stubenhockerisch auf Nummer sicher intonieren.

Mehr Orpheus als Morpheus in Franz Schuberts Streichquartett a-Moll D 804, das seinen Beinamen ebenfalls aus dem langsamen Satz bezieht. Für ein spätes Schubertwerk ist das Rosamunde-Quartett geradezu aphoristisch knapp. Schon sein Beginn, die fahle Melodie über der Wellenbewegung der zweiten Geige, fasst tief in die Seele des Konzertgängers, so tief, wie es im November eigentlich gefährlich ist. So gefasst kann kein Hörer sein, dass Schuberts plötzliche Dur-Wechsel ihn nicht fassungslos machten.

Mit großer Emphase lassen die Mandelrings Schuberts Singen aus Erstarrung und Schreien entstehen. Und im Andante erinnert sich der Konzertgänger, wie der feinsinnige Herr Nagano (der eben jetzt im Vorderhaus der Philharmonie das Jubiläumskonzert des DSO dirigiert) vor drei Jahren Schuberts Rosamunde-Musik zum Gedenken für den gestorbenen Henri Dutilleux spielen ließ. Solche Verbindungen bleiben im Ohr und im Herzen.

Die Kraft von Ludwig van Beethovens Streichquartett e-Moll op. 59, Nr. 2 bündelt sich immer wieder in zwei heftigen Akkordschlägen. Der Kopfsatz ist zerrissen wie der Himmel im Herbststurm, zwischen völligem Verstummen und orchestraler Wucht, dass man sich wundert, wo eigentlich das Dutzend Instrumente ist, das man da hört. Wie ein Choral beginnt das Dur-Adagio, aus langen, sich selbst umschwebenden Tönen, die alsbald in die Vertikale tänzeln, himmelwärts singen und in tiefste Tiefen schreiten. Ein Fest des exaltierten Schrammelns auf höchstem Niveau sind die beiden Trio-Teile des dritten Satzes, der Allegretto heißt und ein Scherzo ist. Und im Finale fragt man sich nicht nur, wo die nunmehr zwei Dutzend Instrumente sind, sondern staunt vor dem letzten Presto, wie leicht sich ein Stampftanzbauer in einen Luftgeist verwandelt.

Das Mandelring Quartett verbeugt sich sogar so homogen, wie es klingt. Der Kammermusiksaal ist nicht schlecht, aber doch weit unter Wert gefüllt. Als Zugabe das Assez vif aus Ravels Streichquartett, flackerndes Feuer in einer baskischen Nacht. Ein Vorgeschmack auf kommende Querverbindungen: Bei seinen nächsten Besuchen in Berlin  kombiniert das Mandelring Quartett Franz Schubert dann mit Alban Berg (22. Februar) und Igor Strawinsky (18. Mai).

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