5.10.2016 – Sehr aufgeregt: Daniil Trifonov spielt Schumann, Schostakowitsch, Strawinsky

maxresdefaultStets leises Misstrauen, wenn Hypervirtuosen eine Schubertsonate oder Robert Schumanns Kinderszenen op. 15 spielen. Aber schon in Von fremden Ländern und Menschen bezaubert Daniil Trifonov, der mit Billardkugeln an den Handgelenken unter Wasser trainiert, mit glockenklar singendem Ton. Dazu gibt’s im Kammermusiksaal eine Extraportion Rubato, vor allem in den Wiederholungen dehnt Trifonov manches Ritardando bis nah an den Stillstand.

Am herrlichsten klingt der singende Ton im Fast zu ernst. Die huschend-galoppierende Dämonie im folgenden Fürchtenmachen sucht ihresgleichen. In den burschikoseren Nummern wie Wichtige Begebenheit und Ritter vom Steckenpferd kann selbst Trifonov ein gewisses Lärmen nicht immer vermeiden.

e-_t-_a-_hoffmann_-_kapellmeister_kreislerIn den Kreisleriana op. 16 treibt Trifonov die Stimmungskontraste dann bis zum Äußersten. In den Rahmenteilen des Äußerst bewegt wirkt er so authentisch wahnsinnig, dass man sich nicht wundern würde, sähe man in Block A den Kater Murr sich das Fell lecken. Dito in den Außenteilen des schaurig-kraftvoll-rollenden Sehr aufgeregt. Zwischen diesem Wutpianistentum leuchtet der Gesang in den Mittelteilen umso schöner, auch im ersten Sehr langsam, dem lyrischen Höhepunkt, der für dilettantische Ohren wie die des Konzertgängers auch vom späten Beethoven sein könnte.

Dennoch die Frage, ob dieser Kontrast-Extremismus bei Schumann nicht auch etwas eindimensional ist. Und der Gedanke, dass Trifonov erst 25 ist und es sowohl ihm als auch den Hörern zugute käme, wenn man ihn weniger als Genie, Hexenmeister oder sonstwas bejubelte und ihm mehr zuhörte und dabei (weiter) reifen ließe.

%d0%b3%d1%80%d0%b8%d0%b3%d0%be%d1%80%d0%b8%d0%b9_%d1%80%d0%b0%d1%81%d0%bf%d1%83%d1%82%d0%b8%d0%bd_1914-1916bAußer Frage steht, dass Trifonovs Bühnenpräsenz überwältigend ist. Mit seinem Vollbart sieht er aus wie der als Hipster wiederauferstandene Rasputin. Er wirft beim Spielen den Kopf in den Nacken wie ein heiliger Trinker (frei nach Jerofejew, mit Nebenanspielung auf Roth und noch irgendeinen versoffenen Schriftsteller). Eine weißhaarige Dame auf einem Podiumsplatz beginnt irgendwann, ebenfalls hoch zu schauen, möglicherweise fürchtet sie, dass es durch die Decke regnet.

Die grauenerregende Husterei des Publikums ignoriert Trifonov souverän, allerdings schnauft er selbst wie ein Dampfkessel, so auch in Schumanns Toccata op. 7. Beeindruckend, wie virtuos Trifonov da durchbrettert; noch einnehmender die vernebelten Seitenepisoden, in denen der Klang ins Luftige entfleucht. Der Konzertgänger ist heilfroh, dass Schumann nach der Toccata andere pianistische Wege eingeschlagen hat, trotzdem ist es faszinierend, wie in diesem Stück von 1829 das 20. Jahrhundert durchzuhören ist.

Die Toccata schlägt in diesem Rezital allerdings nicht den Bogen zu Prokofjews Motorik, sondern zu Schostakowitsch und Strawinsky. Nicht pianistisch, aber emotional ist das doch eine erhebliche Antiklimax; ohne gleich von Bathos sprechen zu wollen („Edel sei der Mensch, Milchreis ist gut“).

Trifonov spielt 4 von 24 Präludien und Fugen op. 87 von Dmitri Schostakowitsch. Da meint man kuriose Mischungen aus Bach und Clayderman zu hören (Nr. 7 A-Dur und die arpeggioselige Nr. 2 a-Moll) oder gar Vangelis (Nr. 24 d-Moll). Die minimalistischen Wiederholungen bestimmter Intervalle sind eine Geduldsprobe, die aber lohnt: höchst originell etwa die a-Moll-Fuge mit ihren Tonrepetitionen oder die gewaltige dynamische Steigerung in Nr. 24, die am Ende so brachial wird, dass man an Galina Ustwolskaja denken könnte.

In der bald brummelnden, bald kristallklar dröhnenden Theatralik von Igor Strawinskys Trois mouvement de Petrouchka ist dann Trifonovs 1000-Volt-Dämonik uneingeschränkt am richtigen Ort. Hier bewährt sich endgültig das Unterwassertraining mit den Billardkugeln. Es sieht unermesslich schwer aus und klingt unermesslich brillant. Die weißhaarige Dame auf dem Podium allerdings, die vor der Pause zur undichten Decke geschaut hat, guckt jetzt auf die Uhr. Bei Schumann guckt nie jemand auf die Uhr.* Ach, Kinderszenen!

Als Zugaben zweimal Liszt (die unermesslich ans Herz gehende Un Sospiro-Etüde und die unermesslich virtuose La Campanella-Etüde) und ein dem Konzertgänger unermesslich unbekanntes Drittes, vielleicht auch Liszt.

(* Anm.: gilt nicht für Schumanns Sinfonien.)

Kritiken zu Trifonovs Rezital im Tagesspiegel und Kulturradio.

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