5.11.2016 – Kindhomerisch: „Odysseus“ im Radialsystem

head_odysseus_mar_sperlongaEine trojanische Flüchtlingswelle erreicht auf der Mittelmeerroute Ithaka, woraufhin Odysseus in See sticht, um eine Insel für die unerwünschten Flüchtlinge zu finden: so die Ausgangssituation in der Oper für Familien und Kinder, die die Taschenoper Lübeck und die lautten compagney Berlin im Radialsystem aufführen. Eine etwas holprige Aktualisierung, zumal das Schicksal der Flüchtlinge in Margrit Dürrs Libretto dann weiter keine Rolle spielt und die Läuterung des xenophoben Odysseus ziemlich vage gerät. Aber den nonchalanten Umgang mit antiken Vorlagen kann man sich als echt barock ja gefallen lassen. Motive wie die Sehnsucht nach der Heimat oder die Treue Penelopes gehen so allerdings flöten, und die Götter tauchen gar nicht erst auf. Wenn Homers Nachfahren so pingelig wären wie die Brecht-Erben, gäbs eine Unterlassungsklage.

Die Abenteuer des Odysseus beschränken sich hier auf Sirenen, Polyphem, Kirke und eine Skylla in Gestalt des Septopus Hank. Kein Totenreich, keine äolischen Winde, keine Rinder des Helios, leider auch keine Kalypso, keine Nausikaa, kein Telemach. Aber eine Kinderoper mit 750 statt 75 Minuten wäre schwierig, darum kein Einwand.

Ulysses and the Sirens, 1909 (oil on canvas)

Höchst charmant die Inszenierung von Sascha Mink, in der Odysseus inmitten zerrender Sirenen im Dreieck tanzt und der hungrige Polyphem als leerer Miele-Kühlschrank mit Fußballschuhen erscheint (und vergebens Bosch und Siemens gegen Niemand zu Hilfe ruft). Schön das elegant eingefügte Figurenspiel von Pauline Drünert. Die Inszenierung übergeht exzessive Grausamkeiten der Odyssee, etwa das Massaker an den Freiern oder die Blendung Polyphems, die hier nur dezent angedeutet wird; so dass die Aufführung guten Gewissens für Kinder ab sechs zu empfehlen ist.

Auch wenn die begeisterte siebenjährige Tochter des Konzertgängers später einräumt, auf die Musik nicht so geachtet zu haben, ist das von Daniel Trumbull am Cembalo geleitete fünfköpfige Ensemble der lautten compagney nur zu loben. Die Verbindung von Madrigalen aus Claudio Monteverdis Il ritorno d’Ulisse mit neuer Musik von Katia Tchemberdji funktioniert wunderbar. Spielerisch vorgestellte barocke Affektfiguren (Angst, Wut) treffen auf pulsierende, vibrierende, treibende instrumentale Zwischenspiele der russischen Komponistin, in denen der historische Zink plötzlich wie eine Jazztrompete klingt. Angesichts der Akustik im Radialsystem und des Geräuschpegels in einer Kinderaufführung hätte man das Ensemble aber vielleicht etwas weiter vorne platzieren können.

Stilsicher und durchweg auf gutem Niveau sind die Sänger, voran der Bariton Titus Witt als Odysseus und die Mezzosopranistin Aurélie Franck als Penelope. Wunderbar, wenn sich ihr Liebesduett mit den Stimmen der Kinder mischt, die mitsingen dürfen:

Ithakas Zaubermusik / sei bei dir in Frieden und Krieg!/ Es helfe dir diese Musik!

Und da es immer besser gelingt, singt das Publikum am Schluss sogar selbst die Zugabe – als doch leidlich gelingenden sechsstimmigen Kanon.

Nach diesem schönen Schluss erwartet den Besucher am Ausgang noch ein unerwarteter Schreck: Die kleine Dokumentation eines Odysseus-Projekts mit Schulklassen in mehreren Bezirken zeigt, zu welchem Umgang mit den trojanischen Bootsflüchtlingen Berliner Kinder den Bewohnern von Ithaka raten. Nun, denkt man sich, die Option Alle aufnehmen mag etwas wohlfeil sein, aber welches Kind würde wohl etwas anderes ankreuzen?

Tja. So manches in Lichtenberg. In dieser AfD-Hochburg hat eine erhebliche Anzahl von Kindern die Option gewählt: alle ertrinken lassen.

Noch zwei Aufführungen am Sonntag um 11 und 16 Uhr.

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5.11.2016 – Kindhomerisch: „Odysseus“ im Radialsystem

4 Gedanken zu “5.11.2016 – Kindhomerisch: „Odysseus“ im Radialsystem

  1. Uwe Mohrmann schreibt:

    au weia, wie erschreckend. Man könnte das abtun mit, na ja LICHTENBERG, aber dazu ist das zu abschreckend. Das sollten Sie irgendwie in einem Kommentar im TSP unbedingt anbringen

    Gefällt 1 Person

    1. Erschreckend, in der Tat. Man hat sich ja leider mittlerweile an die übelsten Kommentare im Internet gewöhnt, aber wenn sogar Kinder so denken… ich frage mich aber auch, ob man als Pädagoge Kindern diese Frage so stellen sollte.

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