9.9.2016 – Arkanisch: Berliner Philharmoniker mit Andris Nelsons spielen Debussy, Varèse, Berlioz

Scheinbar wohlig, weich, warm ist Edgar Varèse hier gebettet zwischen Debussy und Berlioz, trotzdem sind die Arcana (1927, rev. 1960) in diesem gelungenen Konzert alles andere als Alibi-Moderne. varese1-kleinMancher im Publikum stöhnt auf bei dieser bumpernden, schrillen, mitreißenden Attacke aufs Gehör. Dabei sollte auch der Varèse-Muffel froh sein, dass die Berliner Philharmoniker nicht Dieter Schnebels Ratschlag folgen und verlangen, diese Musik ohne Kleider zu vernehmen. (Ein Nackt-Konzert wäre vielleicht mal eine Idee fürs Radialsystem.)

In der Tat sind die Arcana eine unmittelbare leibliche Erfahrung, zugleich äußerst kurzweilig wegen der simpel wirkenden Kontrasttechnik von gewaltigem Anschwellen und abrupter Stille. Das wirkt keineswegs zerrissen, stattdessen entsteht ein Flow, der an das eingangs gehörte Prélude à lʼaprès-midi dʼun faune von Claude Debussy erinnert, aber alchemistisch verhexenküchelt: als hätte Varèse Debussys Partitur genommen, die Noten auf den Kopf gestellt, Blech und Holz vertauscht, dabei alle Besetzungen verdrei- bis -fünffacht, zudem die beiden Harfen durch 13 apokalyptische Schlagzeuger ersetzt, jedes f und p zum Quadrat gesetzt, und ab die Post. So wie der Faun aus dem Nichts entsteht, entgleiten die Arcana schließlich in den 0-dB-Bereich.

Andris Nelsons ist genau der richtige Dirigent für diese direkte, physische Musik, die von zu viel Reflexion (etwa Varèses kryptische bald naturwissenschaftliche, bald mystisch-alchemistische Kommentare) erdrosselt würde. Auch Debussys Faun geht er nicht mit dem fast mathematischen Gleichgewicht an, das Varèse Debussy attestierte, sondern legt das Gewicht auf unübertrefflich geschmeidige Übergänge. Die Philharmoniker, die das Stück zuletzt kurz vor den Sommerferien auf dem Programm hatten, könnten es zweifellos auch mit auf den Rücken gefesselten Händen hinreißend spielen; trotzdem berückend, diesen unendlich sanft aus der Stille erstehenden Anfang zu hören. Auch Debussy würde des Nackthörens lohnen!

Hector Berlioz sowieso. Jetzt sind nur noch 8 statt 13 Schlagzeuger auf der Bühne, trotzdem klingt die Symphonie fantastique auf einmal ziemlich arkanisch. Die Kontrabässe im fiebrigen Intro lässt Nelsons scharf akzentuieren, sie deuten bereits die heftigen Energieentladungen an, die folgen werden. Die Klangballungen gegen Ende des ersten Satzes, die von der idée fixe jäh unterbrochen werden, erinnern an Varèses brüsken Flow. Auch in der Scène aux champs, dem dritten Satz, heftiges Arcana-Flair in der ungeheuren Aufwallung im Zentrum des Satzes, ebenso in der nervösen Schlusspassage.

Das Englischhorn-Solo am Ende des Satzes dirigiert Nelsons, wie alles, so akkurat wie eindringlich, als wäre Dominik Wollenweber ein verschnarchter Musikschüler. An Andris Nelsons‘ engagiertem Stil scheiden sich ja die Publikumsgeister (die Frau des Konzertgängers hält ihn nicht aus; aber wenn sie die Augen schließt, schläft sie ein). Vom Publikum aus betrachtet scheint Nelsons‘ Zuwendung gelegentlich an Musiker-Stalking zu grenzen. Aber dem Orchester passt es offenhörlich, das klangliche Ergebnis spricht für sich: Jede Nuance ist betont, es gibt keinen Moment, in dem die Spannung nachließe, selbst die Pausen bersten bei Nelsons vor Energie.

Vision de Faust

Nur im Gang zum Richtplatz hat die enorme Nelsons-Intensität den Nachteil, dass der Delinquent, bevor das Fallbeil saust, schon mehrfach in Kim-Jong-Un-Manier mit Flugabwehrkanonen erledigt zu sein scheint; der Effekt ist nicht futsch, aber entschärft. Um so hexensabbatiger das Hexensabbatfinale, das wie der Albtraum eines Fauns aus dem Nichts aufglüht. Walter Seyfarth beste diabolisch-irr quäkende Hexenklarinette ever! Und im letzten Aufdröhnen des Dies-irae-Motivs lässt Nelsons die Tuben à la Varèse vom tonhöhelosen Schlagzeug verschlucken.

Momentweise fürchtet man, dass Andris Nelsons gleich vom Dirigentenpodest hüpft. Was am Ende dieses eindringlichen, aufschlussreich konzipierten Abends jeder im Saal bedauern würde.

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