3.9.2016 – Immersiv: Rihms „Tutuguri“ mit dem BR-Symphonieorchester

Nach dem bezaubernden kammermusikalischen Vorabend mit Isabelle Faust eröffnet das Musikfest Berlin offiziell und gelivestreamt mit einem solchen Klopper von Konzert, dass der Konzertgänger sich schon in der Pause wieder urlaubsreif fühlt – vier Tage nach seiner Rückkehr aus dem montanen Exil.

Auch wenn Wolfgang Rihms Tutuguri (1980-82) einen Angriff aufs Trommelfell (so Rihm im Interview) darstellt, ist es bei aller aggressiven Gigantomanie doch ein höchst pragmatisches und disponentenfreundliches Werk. Der Chor deklamiert nämlich sein kré kré pek kre e pte puc te puk te  li le pek ti le kruk pte vom Tonband, auf der Bühne wäre auch kein Platz mehr. Zumindest bis zur Pause, denn das Riesenorchester, das sich mit je 2 Tamtams bis in die Blöcke C und K erstreckt, kann dank sinnvoller Dienstplanung zur Pause Feierabend machen. Danach verbleiben nur sechs Trommler auf der Bühne. Damit schmilzt das Werk  auf seinen Kern zusammen, ganz nah an Antonin Artauds Tutuguri:

Auch in der massiv orchestrierten Phon-Orgie vor der Pause dominiert das Schlagwerk: Sein Einsatz ist, wie das Musikfest angekündigt hat, vereinnahmend und immersiv. (Was bedeutet immersiv? Das Synonymlexikon findet den Begriff nicht und fragt töricht: Meintest du vielleicht: im Arsch? Eine fundiertere Antwort findet sich im Openthesaurus.) Den Konzertgänger macht der Klangrausch zunehmend aversiv. Auch wenn die Erregungs- und Entspannungswellen natürlich mit meisterlichem dramatischen Gespür zusammengeklebt sind, hat Rihm später doch erheblich raffiniertere Klänge ge- und erfunden. Ein gestrenger Bekannter, der häufiger ins Konzert geht als der Konzertgänger, urteilt, es habe geklungen wie mit dem Nudelholz auf zwei Stunden gestreckter Sacre. Mit einer kräftigen Prise Musikalischer Früherziehung, dünkt den Konzertgänger in einer Phase immersiven Guiro-Geratsches.

Keine Nudelhölzer, sondern mahlersche Hämmer knallen bereits wenige Sekunden nach Einsatz des Orchesters auf die Ambosse. Der Anfang mit seinen langen Pausen und Clustern wie Stromschlägen ist aber tatsächlich sehr reizvoll. Und es ist ein Glück, dass das höchstkarätige Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks den Mega-Organismus Tutuguri ins Leben setzt, umsichtig geleitet von Daniel Harding: mit grandioser Klangkultur auch im Krach, umwerfender Präzision im Chaos, höchster Kohäsion im totalen Kohärenzverlust.

Graham Forbes Valentine spricht (oder entäußert seinem zuckenden Leib), bevor der erste Flötenton einsetzt, das zugrunde liegende Gedicht in irrsinniger Inbrunst, als wäre Artaud persönlich in die Philharmonie getorkelt. Am Ende des ersten Teils schwillt der Klangkörper dann zu einem wirklich unwiderstehlichen Megageklirre an; als die Tamtams in C und K zu dröhnen beginnen, ist man in einen immersiv tosenden Klang gehüllt, dem man nichts entgegensetzen kann und will: überwältigend, ohne Wenn und Aber. Der ergreifendste Moment folgt stante pede, als das Orchester verstummt und die Schreie von Valentine/Artaud in einen ersterbenden Jammergesang übergehen.

Note to self: Antonin Artaud, der (zu erfahren von Martin Wilkening im sehr lesenswerten Programmheft) sich u.a. über amerikanische Geheimpläne zur Züchtung von Soldaten aus dem Sperma von Schulkindern verbreitete, könnte man sich heutzutage, statt in Mexiko, gut im Internet unter gleichgeunsinnten Aluhutträgern vorstellen.
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