Beeisschränkt: Leoš Janáčeks „Katja Kabanowa“ an der Staatsoper

Bei jeder Leoš Janáček-Oper, die er hört, denkt der Konzertgänger: Diese ist nun wirklich die schönste.

Aber Katja Kabanowa ist nun wirklich die schönste.

munch asche

Das Stück, jetzt wiederaufgenommen an der Staatsoper im Schillertheater, handelt von einer Frau, die halb Kind, halb Frömmlerin, halb Revoluzzerin, halb begehrende Frau ist. Was nach Eva Riesin mehr als einen Menschen ergibt. Aber keinen ganzen, das muss also schlimm enden. (Handlung)

Ein ziemlich leeres und doch übel verwüstetes Haus ist der schlüssige Raum, in den die Inszenierung von Andrea Breth und das Bühnenbild von Annette Murschetz die Story (die eigentlich in einem Wolgastädtchen spielt) platzieren. Die Wolga ist eine freistehende Badewanne. Markantester Gegenstand der Innenhinrichtung ist ein Kühl- oder besser Eisschrank, in den Katja während des Vorspiels gezwängt kauert: nicht sehr subtiles, aber bezwingendes Bild eines Lebens von größter innerer Weite, das außen fatal beschränkt wird.

munch kindJanáčeks eigenhändiges Libretto (ein geschickt verdichteter und zugleich von Leerstellen implodierender Torso nach einem Theaterstück von A. N. Ostrowski) bringt das im Idealbild des Kindes auf den Punkt, das die Frau einmal war. An das sie sich wieder und wieder erinnert und dem sie auch gleicht, wenn sie sich verwundert fragt, warum die Menschen nicht fliegen. Zweimal quert eine kindliche Doppelgängerin der Sängerin die Bühne. Dass Breth den Gipfel von Katjas glücklichen Kindheitserinnerungsvorstellungen, nämlich den Gang in den Gottesdienst (!), mit einem Pfarrer assoziiert, der das Kind an der Hand aus dem Raum ins Dunkle führt, wirkt etwas gehässig; aber das mag tagesaktuelle Überempfindlichkeit des Betrachters sein.

Insgesamt führt Katjas Weg hier vom Dunklen ins Helle, und man weiß nicht, was entsetzlicher ist: die völlige Finsternis (ein paar hoffnungsvolle Sternchen an den technischen Geräten ausgenommen) beim Einsetzen der Musik oder das taggrelle Licht, wenn sie zu Ende ist.

Der statische Symbolismus der Inszenierung steht in einem gewissen Gegensatz zur kleinteiligen, ereignisreichen Hochdramatik von Janáčeks Musik; aber in einem produktiven Gegensatz. Nicht immer produktiv scheint der gewisse Gegensatz zu sein, in dem Simon Rattles musikalisches Herangehen zur bei aller Kraft subtilen Inszenierung steht. Rattle verstärkt noch die Kontraste, von denen Janáčeks Musik nur so wimmelt: In diesen aus mährischen Sprechmotiven (nápěvek) abgeleiteten Mini-Figuren, oft nur aus ein paar Tönen, treffen Seelenzittern und schwelgerisches Glühen, Poesie und Schreckensvisionen ständig abrupt aufeinander. Wie würden andere Komponisten das auswälzen! Bei Janáček geht alles in die Tiefe, aber nichts in die Breite. Katja Kabanowa dauert nur 100 Minuten und wird hier sehr sinnvoll ohne Pause gespielt.

Nichts so berückend wie Janáčeks Inseln des Lyrischen, nichts so entsetzlich wie Janáčeks Inseln des Grauens. Und doch ist diese pingelige Puzzlemusik von überwältigendem Zusammenhang.

Bei allen Zuspitzungen ist Rattle natürlich in seinem Element, bei Blitz und Donner im dritten Akt sowieso. Die Staatskapelle klingt fantastisch, das Holz ist wunderbar differenziert, die Streicher bald schneidend scharf, bald sehnsuchtsvoll warm. Dennoch ein leiser Zweifel, ob hier nicht zu viel äußerliche Dramatik an die Stelle des Seelendramas tritt.

Der Grundlevel ist laut.

Einigen Nebenrollen fällt es etwas schwer, da immer durchzudringen, auch der garstigen Schwiegermutter Kabanicha von Rosalind Plowright, der man bei aller technischen Stärke noch mehr Präsenz wünschte. Aber das heuchlerische letzte Wort, das sie in dieser Oper hat, das sitzt wie eine Giftspritze.

Die Hauptrollen lassen an Kraft und Differenzierung keine Wünsche offen: Eva-Maria Westbroek ist keine schwächliche, vor sich hin leidende Katja, sondern leidenschaftlich und kämpferisch. Doch wie leise, zart, zerbrechlich sie dann in die Höhen gehen kann, um sich erträumten Vöglein anzuverwandeln (die man zugleich in Flöte und Klarinette hört), ist zauberhaft. Wiederum mag es tagesaktuelle Überempfindlichkeit des Hörers sein, wenn er in Westbroek immer etwas Sieglinde oder gar Brünnhilde mithört und sich als Katja auch einen lyrischeren Sopran vorstellen könnte. An Westbroeks Klasse ändert das nichts.

01-bilder-von-edvard-munch-edvard-munch-anxiety-google-art-projectBegeisternd Anna Lapkovskaja als Katjas (Zieh-)Schwägerin und zeitweilige Freundin Varvara, von überwältigender Lebensfreude und prima Diktion — soweit man das als Nichtmähre beurteilen kann. Mit dem von Florian Hoffmann vorzüglich gesungenen Naturforscher Kudrjasch bildet sie das zweite, glücklichere Paar des Abends. Der armen Katja bleibt nur dieser eigenartige Boris: Simon O’Neill ist mit seiner von Genuss sprechenden Körperfülle und grauem Bart als unterjochter junger Moskauer Student Boris doch lustig kontraintuitiv besetzt. Solche Langzeitstudenten sind sogar in Berlin selten! Aber stimmlich passts, von diesem Zauderer kann eine Frau sich lange Erlösung erhoffen. Um so herzzerreißender die Miniatur von Liebesduett, die es in Katja Kabanowa völlig überraschend gibt — im Oktavenabstand, nur einen Takt lang.

Sowas macht alles nur noch vereinzelter.

Stephan Rügamer ist als Katjas im Grunde gutmütiger Zwangsgatte Tichon, der gleich zu Beginn vor seiner Mama die Hosen runterlassen muss, von prägnanter Waschlappigkeit, Pavlo Hunka als Boris‘ mieser Onkel Dikoj prägnant dunsig-verkommen.

Wirklich Janáčeks schönste Oper. Noch dreimal an der Staatsoper (18., 22., 25. Juni) und noch genügend, auch günstige Karten, weil das eisschrankhafte Berliner Publikum Janáček ungenügend schätzt.

Weitere Kritik zur Wiederaufnahme: Schlatz

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Beeisschränkt: Leoš Janáčeks „Katja Kabanowa“ an der Staatsoper

5 Gedanken zu “Beeisschränkt: Leoš Janáčeks „Katja Kabanowa“ an der Staatsoper

  1. Uwe Mohrmann schreibt:

    Ja die Oper ist wirklich schön und beieindruckend. Wenn nicht diese bescheuerte Inszenierung wäre, hätte ich mir die auch noch angehört und gesehen. Tja, uns Opernpublikum……. wenn ich mir die Auslastung des Don Carlo anschaue, graust es mich, bei dieser tollen Inszenierung und der voraussichtlich überragenden Besetzung

    Gefällt 1 Person

      1. Uwe Mohrmann schreibt:

        keine Erpressung bitte, aber eine Breth Inszenierung und vor allem diese, kommt mir nicht mehr unter die Augen, die halte ich für total bescheuert. Ausserdem noch 3 Aufführungen und dann ist meine Energie für diese Saison verbraucht, Godunow, Sinfoniekonzert Runnicles/Harteros und den Don Carlo

        Gefällt 2 Personen

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