Vierfachknorke: „Emil und die Detektive“ im Atze-Musiktheater

230px-Stamp_Emil_und_die_DetektiveEin Besuch im Weddinger Atze-Musiktheater lohnt fast immer – auch und gerade während der berühmt-berüchtigten Festtage der Staatsoper und zwischen letztem Ring des Nibelungen und alljährlicher Karfreitags-Passion. Einfach um mal runterzukommen und sich der wirklich wichtigen Dinge zu versichern: Parole Emil!

Und um die Tochter glücklich zu machen, denn die freut sich jedesmal einen Ast ab, wenn’s ins Atze geht – sei es zum Doppelten Lottchen oder zu Emil und die Detektive. Der Vater im Grunde auch, obwohl ihm manchmal etwas unbehaglich wird. Denn die Tochter erkennt nicht nur sich selbst in Pony Hütchen und Gustav mit der Hupe, sondern auch den Vater in Großmutters überkandidelter Besorgtheit (O Gott, wir müssen zum Bahnhof, der Zug kommt in sechs Stunden an) und in Herrn Grundeis‘ kotzwitzigen Sprüchen (Haste wieder was gelernt, hat das Aufstehen ja gelohnt).

Der Zeitsprung über fast 90 Jahre gelingt famos. Selbst die Brechstange zu Beginn ist überzeugend, entstanden doch Erich Kästners Buch und Gerhard Lamprechts Film am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung: So passt es bestens, wenn der heutige Emil kein ehrwürdiges Denkmal verschandelt, sondern auf die Wand des Rathauses schreibt Nazis | raus aus | Neustadt. Was sich im Lauf der Handlung zu Café to go | raus aus | Berlin verschiebt. Das alles am oberen Ende einer simplen Sperrholzrampe, die sich multifunktional in einen Zug, ein Hotel, eine Bankfiliale verwandelt.

Auch sonst wird, wer Buch und Film kennt, aufs angenehmste enttäuscht. Die Schokolade, die Herr Grundeis Emil im Zug anbietet, erweist sich hier als hitchcockscher MacGuffin. Herr Grundeis, von Folke Paulsen mit sonorer Baritonfiesheit und Ekel-Alfred-Charme gespielt, darf endlich mal im Café und Hotel die Zeche prellen. Der emil.pngClou ist, dass Gustav hier keine Hupe hat, sondern selbst die Hupe ist: Aciel Martinez Pol trommelt die Detektive mit phänomenaler Falsettstimme zusammen!

Auch der Rest des Ensembles, voran Iljá Pletner als Emil und Olivia Mayer Montero als Pony Hütchen, überzeugt rundum. Drei Musiker (Akkordeon Doro Gehr, Cello Nikolaius Herdieckerhoff, Schlagzeug Schmidty) spielen in verschiedenen Rollen mit und erzeugen nebenher eine verblüffende Vielfalt von Stimmungen und Klangfarben. Musikalisch ist’s eine Semi-Opera, manchmal mehr Semi als Oper; aber doch sehr schön, wie beiläufig die Komponisten Thomas Sutter und Sinem Altan eingängige Melodik mit dräuendem 5/4-Takt verbinden.

Das Publikum, teils noch im Kita-Alter, bleibt mehr als zwei Stunden (!) bei der Stange – Sutters rasanter Inszenierung sei Dank, die durch Parallelmontagen Tempo und Abwechslung schafft. Oder Ruhe im Publikum herbeizaubert, indem sie die Bühne still sein lässt: Wenn der stumme „Professor“ in Gebärdensprache doziert, „hört“ man ihm wie gebannt zu.

Wunderbar, wenn zuletzt Berliner Grundschulkinder als Statisten auf die Bühne kommen, um bei der Verbrecherjagd zu helfen. Wenn man die heutigen Kinder Emil und die Detektive spielen sieht, berührt einen sehr der Gedanke an die Berliner Kinder, die vor 90 Jahren im Filmklassiker spielten – fast alle Darsteller kamen später im Krieg ums Leben:

So ist jeder Emil ein Denkmal für diese Kinder und für das alte Berlin. Und genauso eine Hymne aufs heutige:

Wer Berlin nicht kennt,

hat die Welt verpennt,

der kommt – stop!

aus dem Mustopp.

Vierfacher Knorke-Orden also fürs Atze und diesen Emil. Diese Inszenierung ist meistens ausverkauft, aber, wie gesagt, ein Besuch im Atze lohnt fast immer.

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Vierfachknorke: „Emil und die Detektive“ im Atze-Musiktheater

4 Gedanken zu “Vierfachknorke: „Emil und die Detektive“ im Atze-Musiktheater

  1. Uwe Mohrmann schreibt:

    berühmt-berüchtigten Festtage der Staatsoper
    das gefällt mir sehr 🙂 Wie ich gelesen habe, schenken Sie sich das ja auch.
    Das hier war bestimmt echter und unterhaltsamer

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    1. Naja, nix gegen die Festtage, die verdienen schon ihr Publikum. Sind ja dolle Dinge dabei, und wenn die Käufer der 260-Euro-Karten das Staatsoper-Festival „Infektion“ querfinanzieren, soll es mir recht sein.

      Gefällt mir

      1. Uwe Mohrmann schreibt:

        Gut, wenn Sie das so sehen, haben Sie natürlich recht. Aber künstlerisch finde ich trotzdem, das eine Frau ohne Schatten im Schillertheater nichts zu suchen hat. Beweist m.E aber nur, das die Adabeis alles schlucken, um dabei zu sein, denn normalerweise ist es schwer, damit Häuser zu füllen, wenn ich selbst an die Besetzungen der letzten 40 Jahre denke…

        Gefällt 1 Person

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