8.2.2017 – Animierend: Strawinsky / Ravel an der Komischen Oper

Wieder Live-Action-Cartoon-Oper an der Komischen Oper: Die zweite Produktion des britischen Regie-Teams 1927 wirkt runder und schlüssiger als die vielgerühmte Zauberflöte. Trotzdem ist man danach etwas unschlüssig, wohin der Ansatz führen soll und kann.

Spektakulär sieht die Verbindung von animierten Filmen und menschlichen Akteuren auf jeden Fall auch diesmal aus:

Und die Koppelung des Balletts Petruschka und der Kurz-Oper L’Enfant et les Sortilèges ist nicht nur deshalb einleuchtend, weil die Komponisten Igor Strawinsky und Maurice Ravel im Jahr 1913 eine Nacht im selben Bett geschlafen haben sollen. Sondern auch weil sie sich inhaltlich berühren: In einem Stück erwachen Jahrmarktspuppen zum Leben, im anderen Dinge und Gegenstände eines Kinderzimmers.

petrutxca_de_fokine-1911Schön, dass Strawinskys Petruschka (hier in der revidierten Fassung von 1947) hier mal aus der Verbannung in den Konzertsaal erlöst wird. Allerdings nicht in die heimische Ballettwelt, sondern sehr gelungen in den Zirkus: mit Tiago Alexandre Fonseca als Clown Petruschka (todlustig und todtraurig), Pauliina Räsänen als Akrobatin Ptitschka (supergelenkig und supersexy), die an die Stelle der originalen Ballerina tritt, und Slava Volkov als Muskelmann Patap (bärenstark und bärengutmütig) anstelle des mörderischen Mohren. Zum großen Bösewicht wird statt des Mohren der schattenhafte Herr der Puppen, der Gaukler, der den aus seiner Gefangenschaft ausbrechenden Petruschka kreuz und quer über den Rummel jagt.

Das Konzept von „1927″ geht hier deshalb so gut auf, weil es die Seinssphären umdreht: Nur die Puppen sind dreidimensionale Wesen aus Fleisch, Blut, Gefühlen. Die Menschenwelt (Gaukler und Jahrmarktsbesucher) erscheint dagegen als zweidimensionale Sphäre auf der rasant animierten Leinwand. Und: knallbunt, im Kontrast zum schwarzweißen Puppengefängnis. So bricht Petruschka schließlich in die Farbenwelt aus, nicht etwa in räumliche Tiefe. Er bleibt „im Konzept“. Das ist stringent und nachvollziehbar, und doch wirkt es etwas halbherzig.

Trotzdem für den Konzertgänger das Stärkste, was von „1927“ bisher zu sehen war, dieser Petruschka.

Auch musikalisch ist hinreichend fetzig, was vom Orchester der Komischen Oper unter der akkuraten Leitung von Markus Poschner aus dem Graben kommt; eher im Patap- als im Ptitschka-Stil. Die akustischen Gegebenheiten des Saales nimmt man in Kauf, auch die seitliche Lautsprecherverstärkung (nicht zu weit am Rand sitzen!). Dass die Musik nicht vom Band kommt, erkennt man manchmal nur daran, dass das Blech abschmiert.

andre_helle_-_couverture_de_lenfant_et_les_sortilegesDass die Komische Oper nicht das erste Haus am Ort für feinsten Klangfarbenzauber ist, macht sich naturgemäß bei Maurice Ravels L’Enfant et les Sortilèges (Das Kind und der Zauberspuk) noch stärker bemerkbar. Umso erfreuter ist man, wie erstaunlich zartgliedrig die Holzbläser dann doch klingen. Knackig und flexibel ist der Chor: Das Vocalconsort Berlin ist vom Radialsystem zu Gast. Die letzte Fuge ist eine Preziose: Il est bon, l’enfant, il est sage. Die Sänger, deren Individualität hinter dem Bühnenkonzept etwas zu verschwimmen droht, überzeugen auch, allen voran Ruzan Mantashyan als böses, zartes Kind, Ezgi Kutlu als Mutter, Teetasse und Libelle und Ivan Turšić als durchgeknallte Verkörperung der Mathematik.

Das Französisch auf dieser Bühne scheint allerdings nicht über jeden Zweifel erhaben.

Wie auch Colettes Libretto, das die kollektive Züchtigung des unartigen Kindes durch die belebte und unbelebte Natur beschreibt. Die spürbar tiefe Liebe zur Mutter (Ravels) macht diese Scheußlichkeit allerdings wett, nicht erst im rührend erleichterten Schluss-Seufzer: Maman … 

Auch hier  funktioniert das Konzept, weil das Kind sich ja in seinen eigenen Untaten und der durch sie belebten Ding- und Tierwelt spiegelt. Die Regie belässt die Oper ansonsten als den Bilderbogen, als den Ravel es entworfen hat. Da lässt man sich gern mittreiben und fragt sich doch, ob nicht etwas mehr drin gewesen wäre in diesem dubios kathartischen Albtraum. Ansätze sind ja da: Das Kind trägt eine Uniform. Ganz stark, wenn sich in der Hirtenszene der Garten in ein Schlachtfeld à la Verdun verwandelt! Wäre spannend gewesen, diesen Ansatz weiter zu verfolgen und auszuarbeiten, statt ihn bloß einzureihen in den Ablauf von Bildern.

Hinreißende, spektakuläre Bilder aber in jedem Moment. Allemal sehenswert, eingeschränkt hörenswert, auf jeden Fall kindertauglich, auch was die Länge angeht. (Die Stories sollte man immer vorher lesen oder erzählen.) Wenn man nur eine 1927-Produktion sehen will, dann besser Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges als die Zauberflöte.

Wird spannend, welchen Schritt das Team beim nächsten Mal wagt. Wenn es nach dem Konzertgänger ginge, müsste die nächste Produktion sich mit der räumlichen Tiefe der Bühne auseinandersetzen, statt ihr auszuweichen. Auch wenn’s das Markenzeichen gefährdet.

Sechs weitere Aufführungen in dieser Saison.

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