6.9.2016 – Unbehaglich: Münchner Philharmoniker und Valery Gergiev spielen Ustwolskaja und Schostakowitsch

Zwei Wege ins Innerste, einer der äußersten Stille (Nonos Lontananza) und einer der äußersten Härte (Rihms Tutuguri), prägten das Eröffnungswochenende des Musikfests Berlin. Im Gastspiel der Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev nun treffen beide, Stille und Härte, in einem Konzert aufeinander: in Galina Ustwolskajas 3. und Schostakowitschs 4. Sinfonie.

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Galina Ustwolskaja (1919-2006)

Lange hat das allzu spärlich erschienene Publikum Gelegenheit, die ungewöhnliche Besetzung von Galina Ustwolskajas Sinfonie Nr. 3 „Isése Messija, Spasi nas!“ für Sprecher und Orchester zu studieren: an Streichern nur Kontrabässe, als Instrumente der Tiefe außerdem Posaune und drei Tuben; für die Höhen je fünf Trompeten und Oboen; dazu ein Klavier und drei Schlagzeuger (2 Große, 1 Tenor-Trommel). Denn der Maestro und der Rezitator lassen lange auf sich warten, auch als es aus Block K schallt: Hallo, wir sind schon da! und ein Teil des Publikums sich des rhythmischen Klatschens nicht entblödet. Es wird unbehaglich, Gerüchte über Gergievs Allüren und Publikumsverachtung machen die Runde, jemand blökt: Geld zurück!

Aus gut informierten Kreisen ist aber nach dem Konzert zu erfahren, dass Gergiev keineswegs mit Putin telefoniert oder gegen die Verschwulung des Westens gewettert hat, sondern der Rezitator über den Zeitpunkt seines Auftritts nicht im Bilde war und sich noch umziehen musste. (Nachtrag: Die Münchner Philharmoniker verweisen auf eine „vorübergehende Indisponiertheit“ des Solisten.) Kann alles vorkommen. Eine kurze Ansage ans Publikum hätte den Dampf aus dem Kessel gelassen. Stattdessen empfangen einige Buhs den armen Gergiev, als er die Bühne betritt. Das ist nicht nur atmosphärisch unangenehm und peinlich, vor allem schadet es der Aufführung von Ustwolskajas ganz außergewöhnlicher Musik (ganz folgerichtig klatscht am Ende jemand gereizt in die Stille nach dem letzten Ton).

hermann_reichenau_ofenkachelDenn die 15minütige „Sinfonie“ ist ein Gebet: Bózhe kr’épki‘, góspod’i ist’inny, ótche v’eka, gr’adúshcheva, miratvórche, Isése Messija, spasi nas, deklamiert Alexei Petrenko inbrünstig, Verse des Mönchs Hermann Contractus aus dem 11. Jahrhundert: Starker Gott, wahrer Gott, Vater des ewigen Lebens, Schöpfer der Welt, Jesus Messias, errette uns! Kein Wunder, dass dieses zur Zeit des gerontokratischen Andropow-Interregnums komponierte Werk erst nach dem Untergang der Sowjetunion aufgeführt werden konnte, 1995 durchs Concertgebouw, ebenfalls unter Gergiev und kombiniert mit Schostakowitschs Vierter. Es ist ein Kandidat für das rhythmusfreieste Stück der Musikgeschichte, bewegt sich fast durchgehend in Vierteln, bei Gergiev allerdings in atmendem Tempo. Allein, so scheint es beim ersten Hören, im Umkreis der menschlichen Stimme, d.h. kurz bevor und nachdem Petrenko die Verse rezitiert, verflüssigt und beschleunigt sich der Fluss der Musik, etwa in leisen Wirbeln der drei Trommeln oder einer Kadenz des Klaviers.

Man könnte sich auch eine Kombination mit Bruckner, etwa der Dritten oder Fünften, vorstellen. Aber die Kopplung mit Ustwolskajas Lehrer Dmitri Schostakowitsch ist nicht nur biografisch naheliegend. Wenn Ustwolskajas Dritte das rhythmusfreieste Stück überhaupt ist, hat Schostakowitschs 4. Sinfonie c-Moll, op. 43 (1934-36, in Zeiten höchster Lebensgefahr des vorübergehend in Ungnade Gefallenen und darum erst 1961 aufgeführt) die schnellste Fuge des Universums. Die Streicher der Münchner Philharmoniker spielen sie in unbegreiflicher Präzision. Aber nicht erst da, sondern schon in den ersten Takten wird die Klasse dieser Aufführung deutlich: Die Musik beginnt in einer solchen Schärfe, dass sie ins Ohr schneidet. Kein Übermaß an Differenzierung vielleicht, aber eine ungeheure Intensität, auch viel Klangschönheit holt Gergiev aus dem Orchester, in dem man mehr ergraute Köpfe als in anderen Spitzenorchestern sieht (und einige sehr ulkige Frisuren), das jedoch keine Spur von verstaubt klingt. Ein Phänomen, wenn man sieht, wie Gergiev mit seinem Dirigierzahnstocher wippt und hopst, als wäre er bloß ein lustiger Dirigentendarsteller. Die Solisten bestätigen den hervorragenden Eindruck, der Hornist Jörg Brückner, der Trompeter Guido Segers, die Holzbläser ausnahmslos.

Ungeheuer wirkungsvoll die leisen, ja verendenden Schlüsse aller drei Sätze dieser oftmals sehr lauten Sinfonie, nicht nur wegen des Xylophonknochenklapperns am Ende des Mittelsatzes (das dann in Schostakowitschs letzter Sinfonie wiederkehrte). Bei Gergiev kommt einem da gar die Pathétique in den Sinn. Im letzten Satz fällt eine voreilige Triumphmusik in sich zusammen, stattdessen taucht ein von erstickten Flötenschreien unterbrochener Walzer auf, für den bizarr gar kein Ausdruck ist. Der Gipfel der Unbehaglichkeit, jetzt im besten Sinn. In den letzten Minuten dominieren, wie bei Ustwolskaja, die Extremlagen. Tief, wie bei Mahler, müssen sich die schönen Harfenistinnen vorbeugen, um die tiefsten Saiten zu erreichen, während die Celesta himmelwärts blinkt.

Als drittes Münchner Ensemble, nach den Philharmonikern und dem Symphonieorchester des BR, ist am 14.9. das Bayerische Staatsorchester unter Kirill Petrenko zu hören.

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