Drei von fünf: Helmchen, Piemontesi, Paul Lewis spielen Beethoven mit dem Konzerthausorchester

Was für ein Luxus im Konzerthaus: Fünf Pianisten spielen die fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven, alles zu Ehren Alfred Brendels.

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Bevor nächste Woche Kit Armstrong und Till Fellner kommen, traten Martin Helmchen, Francesco Piemontesi und Paul Lewis auf. Drei feinsinnige Pianisten, die man nicht gerade mit Leistungssport-Klavier und Prokofjewgehämmer verbindet, an drei Abenden hintereinander, alle mit dem Konzerthausorchester unter Jan Willem de Vriend. Kombiniert jeweils mit Ferdinand Ries und Franz Schubert (mehr dazu ganz unten).

Am Eröffnungsabend der Alfred-Brendel-Hommage sitzt der Geehrte links in der Loge versteckt, die Ausstellung übers eigene Lebenswerk im Rücken, den Begrüßungs-Weihrauch des Intendanten unter der Nase: Hoffentlich fühlt sich so viel abschließende Ehre nicht allzu beklemmend an. Sebastian Nordmann macht allerdings immer bella figura als Lobhudler, was man nicht von allen Berliner Intendanten behaupten kann.

Helmchen zum Vierten

Sollte Brendel doch etwas wie Gloriolophobie empfinden, dürfte die sich angeohrs Martin Helmchens vitaler, spannender Interpretation von Beethovens 4. Klavierkonzert G-Dur op. 58 in Wohlgefallen auflösen. Helmchen wirkt ein bisschen lustig in seinem weiten Sakko: Das kann er tragen, bis er aussieht wie der alte Brahms beethoven_klavieroder Radu Lupu. Helmchen nimmt sich für die entscheidenden Dinge den entscheidenden Tick mehr Zeit, fürs Klingenlassen des allerersten Akkords, für die Momente des Innehaltens im Kopfsatz, für die hauchzarte erste Antwort aufs imposant monolithische Streicher-Unisono im Andante con moto. Er wirkt maximal moderato-entspannt im ersten Satz, auch in den teuflischsten Läufen, dabei höchst sorgfältig und stets den weiten Spannungsbogen im Blick. Reichtum an Klangfarben und Anschlagsnuancen. Diese Repetitionen, nicht nur in der Kadenz: Donnerlüttchen, auf wie viele Arten man einen Ton wiederholen kann!

Das Vierte ist ja eh Beethovens schönstes Klavierkonzert, aber so ergreifend und klar hat man es selten gehört. Keine Seele kann so verhärtet sein, dass Martin Helmchen sie nicht erweichte. Aber auf völlig durchdachte Weise, denn das Drauflosspielen, erzählt Helmchen später, habe Brendel ihm ausgetrieben.

Zugabe: Schuberts Moment musical Nr. 3 f-Moll.

Piemontesi zum Ersten

Francesco Piemontesi, der das 1. Klavierkonzert C-Dur op. 15 spielt, wirkt und klingt am introvertiertesten und verträumtesten. Dennoch steht er (der vor einigen Jahren in Großbritannien schon als the new Alfred Brendel bezeichnet wurde) Helmchen und Lewis an Klarheit nicht nach. In den gefühlten 1000 Läufen des Kopfsatzes schafft Piemontesi 1001 Formen von Spannung. Pedalzauber, der nichts verschwimmen lässt, sondern magischen Silbernebel in der Durchführung entstehen lässt und später die Musik wie hinter einem durchsichtigen Vorhang belichtet.

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Einzige erhaltene Beethoven-Fotografie (Valentin-Karlstadt-Musäum)

Fast bizarr wirkt in diesem Kontext das aufwühlende Appassionata-Flair der später komponierten Kadenz, für die Piemontesi sich entschieden hat (warum, erklärt er hier) und die das Werk zunächst zu sprengen scheint. Man fürchtet, dass einen der weitere Verlauf des Konzerts danach enttäuschen wird. Aber im Gegenteil, die schlichte, melancholische Andacht des folgenden Largo wirkt danach um so intensiver.

Piemontesi spielt die originellsten Zugaben, und ohne Piemontesis freundliche Auskunft wüsste der Konzertgänger nicht, welche das waren: das Menuett aus Händels B-Dur-Suite, traumversunken, dass man sich einen halbdunklen Saal wie bei Sokolov oder Anderszewski wünscht, und Mendelssohns a-Moll-Etüde op. 104b.

Paul Lewis zum Fünften

Paul Lewis schließlich verleiht dem 5. Klavierkonzert Es-Dur op. 73 so viele Nuancen und führt es in so unterschiedliche Ausdruckssphären, dass das Etikett heroisch (oder gar Emperor) vollkommen lachhaft wirkt. Das ist ja ebenso lyrisch wie das vierte! Der Pianist muss ständig wechseln zwischen den Rollen als Solist, Begleiter, Kammermusiker und zweites Orchester, erklärte Lewis im VAN-Interview und zeigt im Konzerthaus eindrucksvoll, wie das klingt.

Zugabe: Schuberts Allegretto c-Moll D 915

Das Orchester

An drei aufeinanderfolgenden Abenden drei Pianisten in drei verschiedenen Konzerten sicher zu begleiten, ist allein schon eine respektable Leistung. Dennoch muss man sagen, dass das Konzerthausorchester sich nicht immer auf dem differenzierten Niveau der Solisten bewegt. Jan Willem de Vriends Fortissimo bringt teilweise den Saal zum Bersten. So viel Schmelz und Funken wie zwischen Klavier und Holzbläsern (oder auch der Pauke im Finale des 5. Konzerts) würde man sich auch öfter zwischen Klavier und Streichern wünschen, die de Vriend manchmal einfach nur runterdimmt. Für spannungsvolle Übergänge und große Bögen scheint dann der Solist allein zuständig.

Ries und Schubert

Allerdings haben die Abende ja auch einen ersten Teil – in dem wird dreimal das Gleiche Ferdinand_Ries_2gespielt, und zwar fabelhaft: Ferdinand Ries‘ zehnminütige Ouvertüre zu Schillers Trauerspiel „Die Braut von Messina“ a.Moll op. 162 (1830) ist sympathisch donnerige Musik, die auch beim wiederholten Hören ziemlich ungelenk wirkt. Heftig dräuende Eröffnungsakkorde, noch dräuendere Posaunen, waldig singende Hörner: Musik, die ständig Anlauf nimmt, aber nie abhebt. Zähflüssig. Die Motive entwickeln sich etwas hölzern (alternative Musikwissenschaft spricht da von Sonatenkleinsatzförmchen), die Instrumente wechseln sich ab, Berlioz ist Lichtjahre entfernt.

Der Konzertgänger ist unsicher, ob Ries (1784-1838) nicht doch zu Recht vergessen ist. Aber selbst dann wäre die Aufführung wertvoll: gut zu wissen, was es noch gab. Ergo: mehr Ries spielen!

An de Vriend liegt es jedenfalls nicht, der dirigiert Ries‘ Ouvertüre mit Verve, als wäre es Beethovens Neunte. Ohne Podest, das Orchester groß besetzt, aber historisch angehaucht (vibratoarm, Legato-Eindämmung, deutsche Aufstellung), wie es bei solcher Musik heute quasi Standard ist.

Erst recht bei Franz Schubert: Wie ungeheuer gelenkig und spritzig wirkt hier die 1. Sinfonie D-Dur D 82 des 16jährigen Komponisten! Jeder Satz funkelt ja von Einfällen,

der junge franz schubert
Schubert oder nicht Schubert, das ist hier die Frage

Witz und Esprit. Wie fein instrumentiert, wie schlau aufgebaut: Auch am dritten Abend freut der Konzertgänger sich wieder, wie das Einleitungs-Adagio (das in der Wiederholung der Exposition natürlich nicht vorkam) in der Reprise verblüffend wieder auftaucht. Schaut man perplex in die Noten, sieht man, dass Schubert die Notenwerte beim zweiten Mal verdoppelt hat, damit das Adagio ins Allegro passt und trotzdem gleich klingt wie zuvor.

Genie ist das eine. Aber Teenager Schubert hatte wohl auch den Vorteil, dass er nichts von Beethovens Symphonik kannte; Ries den Nachteil, alles zu kennen.

Die Brendel-Hommage geht noch eine Woche weiter. Am 4. Mai spielt Kit Armstrong das 3. Klavierkonzert (mit den Wiener Philharmonikern unter Blomstedt), am 5. und 6. Mai Till Fellner das zweite (mit dem KHO und Iván Fischer).

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