3.2.2017 – Konzeptspektakulär: Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ an der Komischen Oper

Nichts ist so schlüssig wie ein Fragment. Zumindest wenn’s um romantische Kunst geht. Barrie Koskys Konzeptspektakel von Jacques Offenbachs Opus magnum-ultimum-infinitum Les Contes d’Hoffmann, jetzt als Wiederaufnahme an der Komischen Oper, ist im besten Sinne romantisch.

hoffmann-trinktEin abgehalfterter Säufer inmitten eines Ozeans von leeren Flaschen. Schon dieses erste, überwältigende Bild macht deutlich, dass Offenbachs fantastischer Bilderbogen hier das Hardcore-Kopfkino eines Schädels im Delirium tremens ist. Da ist noch kein Ton erklungen. Und dann kommt erstmal … Mozart! Denn in Offenbachs Opérette grotesque (so Kosky) ist hier E.T.A. Hoffmanns Erzählung Don Juan eingewoben. Oder umgekehrt: die Oper(ette) in die Don Juan-Erzählung eingewoben.

Die Bühnenfigur Hoffmann wirkt umso einsamer, da sie gedreiteilt wird: durchgehend als Sprecher und Beobachter, zugleich erst als Bariton (Akt 1 und 2, Offenbachs ersten Entwürfen entsprechend), dann als Tenor (Akt 3-5). Wenn man es liest, nervt es. Wenn man es sieht, nervt es auch, aber es funktioniert prächtig. Beweis: Links vom Konzertgänger sitzt ein Philologe, der akribisch die Schichten des Palimpsests auseinanderklamüsert. Rechts sitzt ein dicker Tourist aus Bayern, der aus dem Lachen gar nicht herauskommt. Für jeden etwas!

So ein übergestülptes Konzept birgt natürlich immer die Gefahr, dass die Musik Schaden nimmt. Aber Offenbachs Melodienzauber lässt sich nicht leicht versehren. Man versteht jederzeit, dass Rossini Offenbach den Mozart der Champs-Élysées nannte. Und wo die Musik in dieser Inszenierung „Schaden nimmt“, tut sie es auf produktive Weise. Am Schluss fehlt die gewohnte Künstlerapotheose, stattdessen begibt Hoffmann sich zu Mozarts Là ci darem la mano in die hölzerne Umarmung des Todes. Das ist zweifellos übergriffig. Aber anders als bei einer Frau darf man bei einer unvollendeten Oper(ette) wohl argumentieren: Das hat sie doch selbst gewollt. Sonst wäre sie ja nicht Fragment geblieben!

Nur ein musikalischer Schaden tut wirklich weh: Der faszinierend abstoßende Hoffmann-Sprecher (Uwe Schönbeck) ist durch einen sehr laut eingestellten Mikroport zu hören. Dieser blecherne, zugleich übernahe Klang lässt jede Singstimme, die ihr folgt, allzu klein erklingen. Vor allem im Antonia-Akt ist die Sprecherstimme viel zu laut.

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Dass aber der primäre Hoffmann sich in einem sekundären Hoffmann verkörpert, der dann auch noch plötzlich ein anderer wird: das ist ein imposanter Lost-Highway-Effekt. Den die Charaktere der beiden Singstimmen noch verstärken: Während der starke Bariton Tom Erik Lie fast zurückhaltend die Façon verliert, ist Alexander Lewis‚ Tenor der Rolle angemessen hektisch und flattrig.

Obwohl alle Figuren hier bloße Projektionen des abwrackenden Hoffmann-Ichs zu sein scheinen, stellen die (Alb-)Traumfrauen den Mann locker in den Schatten, zumal sängerisch. Nicole Chevalier verkörpert die entgleitenden Wunschbilder famos: die herumhuschende Primär-Emanation Stella alias Donna Anna ebenso wie die drei Sekundär-Emanationen der Binnenerzählungen. Mag sie auch nicht die Koloraturen der Damrau haben, verschmelzen in Chevaliers Olimpia Koloraturen und Blödelei so kongenial bzw kondement, dass man sagen muss: So eine Olimpia-Arie hat die Welt noch nicht gehört. Und wohl noch nie hat auf einer Opernbühne eine Frau so doof aus dem Schrank geguckt wie Chevalier. Ganz groß! Morbide bebend ihre Antonia mit dem turtelnden Ohrwurm Elle a fui, la tourterelle. Halb verrucht, halb komisch ihre Giulietta, von der man auch lernt, wie sehr Koloraturen vom Cunnilingus profitieren.

Die weitere Besetzung ist solide: darunter der mitteldiabolische Dimitry Ivashchenko als vierfacher Dämon, der Hoffmann eine Frau nach der anderen entreißt, ohne dass sein Bass stark in die Tiefe zöge. Und Karolina Gumos als Muse, die hier nicht nur zum Niklausse wird, sondern auch zum Wolfgang Amadeus. Stark der Chor, aus dem mehrere Solisten sehr überzeugend als versoffene Horrorstudenten in Ballkleidern hervortreten. Der bewährte Stefan Soltesz leitet das Orchester zuverlässig und sängerfreundlich. (Dass sowas keine Kleinigkeit ist, beweist das jüngste Wiener Tosca-Debakel.)

Sechs weitere Aufführungen von Februar bis April.

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3.2.2017 – Konzeptspektakulär: Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ an der Komischen Oper

5 Gedanken zu “3.2.2017 – Konzeptspektakulär: Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ an der Komischen Oper

  1. Uwe Mohrmann schreibt:

    ah, auch die Kritiken gelesen von diesem grandiosen Dirigentenversucher dort in Wien :-))) Ich fand damals den Hoffmann ziemlich, in jeder Beziehung.
    Habe in der nächsten Saison kaum Möglichkeiten, andere Häuser auszuprobieren. Habe heute von der DO die Spielplanvorschau bekommen, bin voll beschäftigt…

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    1. Uwe Mohrmann schreibt:

      als Ergänzung ich habe, glaube ich, heute „Ihren Bart“, war mir aber auch schon mal aufgefallen. Zum anderen waren die Hugenotten überwältigend. Warum Kang nicht von Anfang an gesungen hat, war allen mit denen ich gesprochen habe unverständlich. Gut die Romanze im ersten Akt von Flores zu übertreffen, ist wohl kaum möglich, aber alles andere, war Kang besser. Im positiven Sinn wäre auch Sie heute mit dem Publikum fast einverstanden

      Gefällt 1 Person

    2. Ja, die Jahresvorschau der DO sieht gut aus und die „Hugenotten“ hätte ich gern nochmal gesehen. Nie die „Zweitbesetzungen“ unterschätzen.
      Hier noch ein sehr schöner Bericht über die Wiener Tosca mit dem „Dirigentenversucher“: https://andreaschopfbalogh.wordpress.com/2017/02/02/tosca-for-eyes-wide-shut-schoen-gesungen-miserabel-gespielt/
      Überhaupt ein stimmungsvolles Blog, das ich Ihnen empfehlen kann!

      Gefällt mir

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