Taststörung

Zu den unangenehmsten Kindheitserfahrungen gehören Erwachsene, die einen ungefragt anfassen.

pompeo_batoni_-_dido_and_aeneas_1747Auch im Konzert und in der Oper kann man, nebst Hörstörungen und Sehstörungen, solche Taststörungen erleben. Nur dass die Taststörung nicht unbedingt vom Nachbarn ausgeht, mit dem in Körperkontakt zu treten man genötigt ist, sondern von den Künstlern verschuldet wird: Etwa wenn das Publikum im Radialsystem beim Rameau-Gastspiel von Teodor Currentzis‘ MusicAeterna (2015) Ringelpiez mit Anfassen spielen soll.

Etwas Ähnliches war nun in der Tischlerei der Deutschen Oper zu erleben: bei Dido, Henry Purcells Meisterwerk reloaded beziehungsweise bruchgelandet. Das ist (trotz der Beteiligung kompetenter Musiker und Sänger) so desaströses Musiktheater, dass die Abteilung für Qualitätssicherung der DO mal im Hinterhaus nach dem Rechten sehen sollte. Das Publikum muss die Schuhe ausziehen, sich nach genauen Anweisungen auf den Boden legen, dazwischen durch den Raum dirigieren lassen, links, rechts, links, stehen, liegen, stehen. Ein Paradebeispiel dafür, dass nichts spießiger ist als das, was ausdrücklich unspießig sein will.

Da darf es natürlich nicht fehlen, dass man sich zu Purcells herrlicher, von Michael Hirsch (z.B. mit Akkordeon und Bassklarinette statt Gambe) originell überschriebener Musik an den Händen fassen soll. Einige einander fremde Besucher werden auch zum Paartanz aufgefordert.

Nicht nur an die Hände, sondern auch an die Füße und Beine geht es den Besuchern zuvor, auf dem Boden liegend, wenn die Darsteller sich in Plastikfolie gewickelt zu ihnen betten und sich anschmiegen. Sicher wäre es erlaubt, vielleicht ja sogar erwünscht, dass man sich das verbittet oder den Darsteller wegschubst. Aber tut man halt nicht. Dem Konzertgänger fiel es auch nicht schwer, das zu ertragen, weil er sich immerhin im Aktionsradius einer Darstellerin mit riesigen Hupen befand – um eine Formulierung aus Rico, Oskar und der Diebstahlstein zu bemühen, das der Sohnemann gerade liest.

Aber der Sohnemann fand es ganz unangenehm.

Und wenn Kinder es in der Oper unangenehm finden, dann sollte es nicht deswegen sein, weil jemand sie ungefragt anfasst.

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