Fegend: Akamus, Emmanuelle Haïm, Sandrine Piau mit Rameau und Händel

Wenn Rameau kommt, pfeift’s im Kamin der Musikgeschichte. Rameauneurs nannte man seine von den Lully-Treuen geschmähten Anhänger: Schornsteinfeger (ramoneur). Hat der grandiose Teodor Currentzis deshalb bei seinem Rameau-Projekt so mit der Licht-Metaphorik genervt? Die Akademie für Alte Musik führt jedenfalls im Konzerthaus einen feineren, aber ebenso wirksamen Besen, die Dirigentin Emmanuelle Haïm ist eine famose Oberkehrerin und die Sopranistin Sandrine Piau ohnehin der heißeste Feger auf jedem Dach. Die Anna Magnani des Barockgesangs, hat Alfred Brendel sie genannt, und ein Fan sagt: bestangezogene Sängerin überhaupt.

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Aber Sandrine Piaus umwerfendes, atemberaubend geschlitztes schwarzes Kleid mit allerlei Silberzierrat ist ebenso vergessen wie ihre himmelhohen Absätze, wenn wir uns schon nach wenigen Minuten angeohrs der Arie Tristes apprêts aus der Oper Castor et Pollux in Tränen auflösen. Was für eine bewegende, genau bewegte, betörend raumfüllende Stimme.

Da brauchen wir erstmal ein knappes halbes Stündchen, um instrumental wieder runterzukommen: mit einer ganzen Reihe von Airs, Gavottes, Sarabandes und Passepieds aus Rameaus Castor et Pollux-Suite. Emmanuelle Haïm hat einen herrlich eckigen Dirigierstil, der einen runden, geschmeidigen Orchesterklang erzeugt. Nur beim Umblättern der Partitur hat sie öfter Probleme. Während manche Dirigenten mit ihrer Expressivität offenbar bloß die Musik illustrieren, die das Ensemble von selbst spielt, scheint La Haïm die Artikulation aus der ungeheuer aufmerksamen Akademie quasi herauszuziehen. Feuer durch Pingeligkeit. Wie anders klänge das alles, wäre die Intonation des Orchesters so haarsträubend uneinheitlich wie die Krawattenbindungen! Dass fast jeder Instrumentalist auch solistisch hervortritt, einer fabelhafter als die andere, trägt dazu bei, dass die Musik trotz Strenge und Disziplin vor Leben strotzt.

Jélyotte_by_CoypelDoch Königin der Bühne bleibt Sandrine Piau. In einer Szene aus Rameaus Platée mimt sie unwiderstehlich den Wahnsinn (la folie), der das närrische Treiben einer liebestollen, leider grottenhässlichen Nymphe kommentiert. Haïm fungiert als Sidekick, und die schreiende Komik lenkt fast vom Sangeszauber ab, den Piau da veranstaltet, mit immenser Ausdauer und einer stimmlichen Spannweite von Koloratur bis Chanson. Ihre Diktion ist dabei so klar, dass man jedes Wort versteht, selbst wenn man keinen Fetzen Französisch kann …

Encore! schallt es immédiatement vom Rang.

Den zweiten Teil des Programms, die Kantate Delirio amoroso des jungen Georg Friedrich Händel, leitet Haïm vom Cembalo. Xenia Löffler bezaubert mit Oboensolo in der einleitenden Sonata. Die wackeren Instrumentalisten der Akademie werden für ihre Leistung dadurch belohnt, dass sie La Piau (jetzt im funkelnden Silberkleid) so nahe kommen dürfen, wie sie es wohl in den kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hätten. Herrlich, wie die erste Geige und der Sopran in Un pensiero voli in ciel einander herausfordern und umschlingen: Sollte Konzertmeister Bernhard Forck sich je gefragt haben, warum er sein Leben eigentlich dem Geigenspiel gewidmet hat, ist das die Antwort. Eine Gnade, die in der Arie Per te lasciai la luce auch dem Cellisten Jan Freiheit zuteil wird, später dem Flötisten Christoph Huntgeburth.

Unzüchtig ist das alles! Kein Wunder, den Text schrieb ja ein Kardinal.

Drei Zugaben, darunter Il volo così fido aus Händels Riccardo primo:

Der Konzertgänger hat’s immer gewusst: Eine Welt, in der Frauen das Sagen und Singen haben, ist besser. Dirigenten reichen ihre Blumensträuße am Schluss gern an Musikerinnen im Orchester weiter; Emmanuelle Haïm schenkt ihren dem Cembalisten. Alfred Brendel, der in der Loge sitzt (auch dieses Konzert ist ihm gewidmet), wird’s alles mit Freude sehen.

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