20.1.2017 – Polyphon: Ultraschall-Festival im Heimathafen Neukölln

Die Verbindung Stimme/Streicher ist erotischer und epiphanischer als die klassische Kombination Stimme/Klavier. Das beweist das erste von drei Konzerten, die im Rahmen des Ultraschall-Festivals für neue Musik am Freitag im Heimathafen Neukölln stattfinden. Der Stimme in all ihren Facetten widmet sich das diesjährige, noch bis Sonntag laufende Festival.

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Mojca Erdmanns besonders schöne, facettenreiche Stimme kommt in der Liaison mit dem Kuss Quartett wunderbar zur Geltung. In Harrison Birtwistles 9 Settings of Lorine Niedecker (1998/2000) wird sie allein von Mikayel Hakhnazaryans Cello begleitet. Sehr dezent, dennoch spürt man, wie sich da zwei Stimmen ineinanderschmiegen, gemeinsam atmen.

Das ganze Quartett dann in Dai Fujikuras Silence Seeking Solace (2013), und keineswegs begleitend. So wie Fujikura nicht einen fertigen Text vertonte, sondern die Musik in ständiger Interaktion mit der gleichzeitig entstehenden Dichtung von Harry Ross schrieb, so reagieren auch Stimme und Instrumente aufeinander. Zwischen eher deklamatorischen Passagen Erdmanns, in denen das Quartett vor allem Bewegung erzeugt, stehen immer wieder Abschnitte, in denen beide organisch auseinander hervorgehen: bald die Stimme aus den Streichern, bald umgekehrt, so als hätte die eine menschliche Stimme sich in vier zerteilt. Wie fruchtbar die Verbindung von Stimme und Streichquartett auch im romantischen Genre ist, zeigt die becircende Zugabe, Aribert Reimanns Bearbeitung von Robert Schumanns Lied Herzeleid.

Zusätzlich öffnen sich die Ohren der Hörer dadurch, dass im Wechsel vier „reine“ Streicherstücke erklingen, jedes auf seine Weise stimmig singend. Neben Streichquartett-Stücken von Birtwistle und György Kurtágs Officium breve (1988/89), einem berührenden Wunder an Klangreichtum, tut das Enno Poppes Freizeit auf besonders originelle Weise: 14 Abschnitte binnen 5 Minuten, Webern ist ein Schwätzer dagegen! Eine Keimzelle aus wenigen Tönen am Anfang, weitet die Musik sich in alle Richtungen, mit famosen Ultra-Vibrati und sanften Jojo-Glissandi. Was Poppe aus jedem Neue-Musik-Programm hervorstechen lässt, sind nicht nur die prägnanten Titel, sondern 1. der umwerfende Witz und 2. der Umstand, dass seine Musik sich hörend unmittelbar nachvollziehen lässt und trotzdem komplex scheint.

Als i-Tüpfelchen noch Helmut Lachenmanns Toccatina für Violine solo (1986). Dabei wird Oliver Willes Geige zum Strich und die Spannschraube zum Tüpfelchen, und wenn die Pferdehaare über die Schnecke streichen, fragt man sich, ob man noch hört oder schon fantasiert. Musik, bei der man Telefone im Vorraum bimmeln und den Staub in der Luft wirbeln hört.

Eine andere Liaison dann im letzten Konzert des Abends: Stimme und Blasinstrument, und zwar Countertenor (Daniel Gloger) und Schalmei (Katharina Bäuml). Die verschmelzen gerade, indem sie nie zusammen erklingen, sondern einander abwechseln. Wobei der Effekt noch größer wäre, wenn die Stücke nicht durch Interviews unterbrochen würden.

Gloger präsentiert eine imposante Breite an Möglichkeiten, die die artifizielle Counterstimme der neuen Musik bietet: Da sind die witzig-tiefsinnigen Intervallsprünge in Enno Poppes Wespe nach Marcel Beyer; da ist die dezent theatralische Spiritualität in Alberto Hortigüelas Caligaverunt oculi mei (2007), dessen Karfreitags-Text der Sänger mit zunächst geschlossenen Lippen zu suchen beginnt, bis am Ende die Stimme ersterbend in die Brust sinkt; da ist das kunstvolle Rollenspiel in Glogers eigener Fassung von Lucia Ronchettis Albertine nach Marcel Prousts Recherche. Während Ronchettis Original eine Sopranstimme auf der Bühne und flüsternde Männer im Publikum miteinander konfrontiert, macht Gloger das alles allein: im ständigen Wechsel von Façon und Exaltation, von tiefer Sprechstimme und und hoher Sing-, Stöhn- und Hechelstimme, Deutsch und Französisch.

schalmeiWas hingegen die Schalmei in neuer Musik vermag, führt  in zwei exemplarischen Stücken Katharina Bäuml vor, Gründerin des geschätzten Alte-Musik-Ensembles Capella de la Torre: Jüri Reinveres Krone von Gneixendorf (der Titel erschließt sich auch nach einem auf der Stelle tretenden Interview nicht recht) wirkt aufs erste Hören traditionell und frei fantasierend. José Maria Sánchez-Verdús Chanson rouge ist trotz des Bezugs auf den Renaissance-Komponisten Johannes Urrede klanglich avancierter; den Cantus firmus hört man nicht, wohl aber die Materialität der Schalmei, das Holz, auf dem Bäuml durch Klopfgeräusche ihre eigenen Echos erzeugt. Live-Elektronik à la Quattrocento. Siehe da, die Geschichte der Schalmei endet nicht mit Weihnachtsoratorium und Tristan und Isolde.

Nicht artifiziell wie ein Countertenor, sondern direkt, kraftvoll, teils archaisch klingt das zwölfköpfige Solistenensemble PHØNIX16 im mittleren Freitagskonzert, das leider unter dem völlig irreführenden Titel Balkanroute steht. Sehr verdienstvoll nimmt sich dieser hochkarätige Avantgarde-Chor Vokalmusiken der 1960er und 70er Jahre an, neben Iannis Xenakis‘ atemberaubenden Nuits für zwölf Stimmen (1967) sind das Stücke von Ivo Malec, Branimir Sakač, Vinko Globokar.

Eher von archivarischem Interesse scheinen dagegen heute die elektroakustischen Pionierarbeiten dieser Zeit – aber das ist bei Stockhausen ja nicht anders als bei İlhan Mimaroğlu und Vladan Radovanović.

Die halbgaren Lichteffekte des slowenischen Komposter Kollektiv sind allerdings überflüssig bis störend. Nicht jeder hält das bis zum Schluss aus, kopfschmerzanfällige und nervöse Naturen wie der Konzertgänger fliehen da vorzeitig auf die Karl-Marx-Straße hinaus.

Dennoch ein reiches Konzert, ein reicher Tag. Samstag und Sonntag geht es weiter im Radialsystem bis zum Abschlusskonzert des DSO im rbb-Sendesaal.

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