Kleine Erinnerung an Georges Prêtre

Fundierte Gedenknoten auf den verstorbenen Dirigenten Georges Prêtre mögen Berufenere schreiben. Stattdessen eine Petitesse, in der Prêtres lebensbejahender Charme zum Ausdruck kam:

Ich habe Prêtre ein paarmal gehört, zuletzt mit den Wiener Philharmonikern, Strawinskys Feuervogel und Beethovens Siebter. Aber die kleine Szene, die ich meine, ereignete sich (glaube ich) nach einem Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin im Jahr 2011. Die Labèque-Schwestern hatten feurig Francis Poulencs Konzert für zwei Klaviere gespielt, nach der Pause hatte Prêtre eine wunderbar federnde Zweite von Brahms dirigiert; phasenweise auch nicht dirigiert, sondern einfach sichtlich zufrieden dem Orchester zugehört, in Altersweisheit und Respekt vor kompetenten Musikern, denen man nicht jeden Kringel vorzeichnen muss.

gentle_julia_-_booth_tarkington_-_project_gutenberg_etext_18259Aber eins verlangte er ganz entschieden, und zwar im Schlussapplaus: la bise vom Blumenmädchen. Witzig eingeschnappt gab er sich, enttäuscht und mit gespielter Empörung, als die junge Philharmonie-Mitarbeiterin nach erfolgter Bouquet-Übergabe preußisch-sachlich auf dem Pfennigabsatz wieder kehrtmachen wollte. Da zeigte er fragend auf seine Wangen, beugte sich vor, und dann gab es, wie es sich gehört, ein Küsschen links und ein Küsschen rechts.

Da war er 86 Jahre. Jetzt ist er mit 92 gestorben. Mögen ihn im Himmel die Engel und die Callas mit Blumen und bises empfangen.

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Kleine Erinnerung an Georges Prêtre

4 Gedanken zu “Kleine Erinnerung an Georges Prêtre

  1. Helge Grünewald schreibt:

    Sehr schön, diese Petitesse. Ich war auch bei dem Konzert und habe mich amüsiert. Übrigens hat pretre mal vor Jahren mit der Staatskapelle Dresden eine außerordentliche Aufführung der Ersten von Mahler hingelegt. Der alte Herr konnte, auch im hohen Alter, in den Proben manchmal schon etwas penetrant sein – am Ende waren es aber meist großartige Aufführungen. Und wenn man in alten Plattensammlungen kramt, findet man auch, dass er sehr vielseitig war.

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    1. Ja, Beethoven war vielleicht nicht seine Domäne, war etwas eindimensional. Aber den Feuervogel hab ich sehr gut in Erinnerung. Das erwähnte DSO-Konzert war famos, die Kombination Poulenc / Brahms 2 fand ich zündend.

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