Entflammend: „Siegfried“ beim vorletzten Tunnel-Ring an der Deutschen Oper

Im Siegfried möchte der Konzertgänger normalerweise immer vorspulen. Nicht so in dieser Aufführung an der Deutschen Oper, mit der der vorletzte Zyklus von Götz Ring45Friedrichs legendärer Ring-Inszenierung seinem Ende zu eilt. Es ist, als wollte alles die Zeit anhalten.

Auf fast sechs Stunden dehnt sich der Mittwochabend, nicht nur wegen der ausgedehnten Pausen, sondern auch weil das Orchester (Sonderpunkte für Klarinette und Horn im zweiten Aufzug) unter Donald Runnicles, ohne Bummelei zwar, den Abschied weidlich zelebriert. Der Nachbar des Konzertgängers, der Urväter-Ring-Weisheit mit Löffeln gefressen hat, kann den Unterschied zu Böhms und Karajans Zeiten minutiös, ja sekundös belegen.

Da wandert man auf einem schmalen Grat! Die Sänger, allen voran Stefan Vinke als Siegfried, sind zwar gigantisch bei Puste. Aber der Bühnenapparatur bleibt, was Wunder nach 33 Jahren, schon mal die Luft weg. Die teelichterne Waberlohe will nicht recht erlöschen, nachdem Siegfried sie im dritten Aufzug durchschritten hat; also tauchen, als kämen sie aus Nibelheim, helfende Hände aus der Tiefe auf, um die störrische Funzel zu ersticken.

Auch mancher große Siegfried-Moment entflammt den Konzertgänger weniger als bei Ring47seinem ersten Ring vor zwanzig Jahren. Wie unmittelbar sprang ihm, dem sehr jungen Mann, damals Siegfrieds unschuldiges Erschrecken ins einsame, sehnsüchtige Herz: Im Schlafe liegt eine Frau: – die hat ihn das Fürchten gelehrt! Melancholisches Lächeln heute. Tiefer, tiefer entflammt ihn nun, was Götz Friedrich den zärtlichen Wagner nannte, jene todtraurige Stelle im zweiten Aufzug, da das Leben Siegfried die Betrübnis lehrt:

Sterben die Menschenmütter

an ihren Söhnen

alle dahin?

Ja, die Inszenierung lebt und lodert noch. Welch großer Moment, als sich am Ende des zweiten Aufzugs der zuvor von kindischer Waldattrappe verdeckte unendliche Zeittunnel erneut enthüllt. Oder wenn die halbe Bühne sich samt Wanderer hebt, Erda aus der Tiefe erscheint – da meint der Konzertgänger von Reihe 16 aus den Studenten zu sehen, der vor zwanzig Jahren dank Classic-Card in Reihe 1 saß. Robert Hale war der Wanderer, dem aufblickenden Stundenten verschlug’s den Atem. Hat Hale aber damals auch den zerschlagenen Speer so dilettantisch auseinandergeschraubt wie sein Nachfolger heute? Und wer war Erda? Keine Ahnung mehr; das aber gehört sicher zu den zu Unrecht vergessenen Dingen.

Die Erda 2017 wird allerdings niemand vergessen, der dabei war: Ronnita Miller ist nun wahrhaft ewiges Weib, stimmlich wie physisch. Diese überirdisch feminine Erscheinung hätte das einsame, sehnsüchtige Studentenherz aus Reihe 1 wohl so entflammt, dass es gleich zu Asche geworden wäre!

Ricarda Merbeth, die jetzt (nach Evelyn Herlitzius in der Walküre) die Brünnhilde singt, ist differenziert und facettenreich. Elbenita Kajtazi überzeugt als kerngesundes Waldvöglein; das hat ja immer den Vorteil, nach gefühlten zehn Stunden (ohne Vorspulen) den ersten weiblichen Ton in den Siegfried zu bringen.

Die Männer, hier teils ähnlich timbriert, hat Wagner zwischendrin in übersichtlichen Gruppen gebündelt: Im Duell der Tenöre obsiegt, ein kleiner Trost für dieses elende Leben, Mime über Siegfried. Phänomenales Porträt von Gerhard Siegel, der von der Seite für den indisponierten Burkhard Ulrich singt; blöde Bild-Ton-Schere, aber gut, Ulrichs grandiosen Bewegungswitz auf der Bühne zu haben. Stefan Vinke gelingt als Siegfried dann die unglaubliche Leistung, im dritten Aufzug derart zuzulegen, dass man fast doch an den Heldentenor als, horribile dictu, Übermenschen glauben möchte.

Zwergen-Sieg auch im Triell der Bässe: Werner Van Mechelen, der hier einen stärkeren Eindruck hinterlässt als im Rheingold, zeigt den gar nicht schlechten Wanderer (Samuel Youn, nach zuvor Derek Welton und Iain Paterson als Wotan) und Fafner (Andrew Harris), was eine Harke ist. Zum Ende dieses ewigen Rings sei Alberich der Triumph mal gegönnt!

Zum Bericht über Rheingold und Walküre

Zum Siegfried  /  Mehr über den Autor  /  Zum Anfang des Blogs

Advertisements
Entflammend: „Siegfried“ beim vorletzten Tunnel-Ring an der Deutschen Oper

2 Gedanken zu “Entflammend: „Siegfried“ beim vorletzten Tunnel-Ring an der Deutschen Oper

  1. Ni Koll schreibt:

    😆👍🏻Sehr schön geschrieben!
    Aber was haben denn immer alle mit den „Längen“ im Siegfried? Gut, ich gebe zu: Die Überlegungen des Helden im Mittelteil könnten auch für meinen Geschmack etwas weniger ausführlich ausfallen😉, aber dafür wird man doch im ersten und letzten Teil um ein Vielfaches entschädigt.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s