14.12.2016 – Apollonysisch: DSO und Metzmacher spielen Strawinsky und Bruckners Vierte

Sogenannte apollinische Kunst ist ja oft langweiliger als sogenannte dionysische, weil mit Apollon nicht der krasse Marsyashäuter oder der hinterhältige Bogenschütze auf Trojas Mauern gemeint ist, sondern irgend so ein diatonischer Musenizer. Aber bei Igor Strawinsky ist Neoklassizismus kein Euphemismus für gepflegte Langeweile. Was machen diese falschen Töne in der Dur- und Terzenseligkeit von Apollon musagète (1928)?

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Die Ballettmusik bleibt nicht lange so schluffig, wie sie am Anfang, bei Apolls Geburt, scheint. Wenn die Musen aufs Parkett treten, betont Ingo Metzmacher die Haken, es gibt hübsch kantig aufsteigende Figuren, und die Parnass-Apotheose hat fein swingendes Roaring-Twenties-Flair.

Apollon musagète ist nur für Streicher geschrieben, und die Streicher-Abteilung des Deutschen Symphonie-Orchesters glänzt so hell, dass sie die Eifersucht Apolls fürchten sollte. Die hervortretenden Solisten Wei Lu und Mischa Meyer sind sowieso um Ellen besser als so mancher aufstrebende Stargast, den man in der Philharmonie schon den großen Zampano hat machen sehen.

Dem Konzertgänger wird bei so viel numinosem Licht allerdings etwas elysisch im Schädel, in irgendeiner Musen-Variation meint er den göttlichen Hypnos zu erblicken. Alles so um die Ecke komponiert bei Strawinsky.

Am Schluss löst der Streicherklang sich wunderbar in apollinisches Licht auf. Dem Handyhalter, der sein Gerät genau in diesen Moment hineinbimmeln lässt (und es ist nicht das erste Handy an diesem Abend), wünscht man das Schicksal des Marsyas an den Leib. Natürlich nur im allegorischen Sinne.

Die Empfindung, dass ein wahrer griechischer Gott über einen kommt in seiner ganzen Schönheit, Intimität, Gewalt und auch Grauenhaftigkeit, hat man dann bei Anton Bruckner.

Romantisch klingt die Symphonie Nr. 4 Es-Dur an diesem Abend nicht, und das ist auch gut so. Wie von Strawinsky herüber schwebt der apollinisch-lichte Streichernebel, über dem sich dann jedoch Ungeheuerliches ereignet. Für die erste, einminütige Steigerungswelle schenkte man manches komplette Konzert her. Und dem Gast-Solohornisten Bertrant Chatenet, der derart göttlich intoniert, wünschte man die Entrückung in eine Festanstellung mit olympischer Besoldungsgruppe.

Das eigentliche Wunder ist aber, wie es Dirigent und Orchester gelingt, über den gesamten Verlauf der Vierten nicht den geringsten Spannungsabfall zuzulassen. Metzmacher geht Bruckners monumentalen Minimalismus in scharfem Tempo an (Anti-Celibidache , sagt ein kundiger DSO-Fan). Nichts pendelt irgendwo irgendwie aus, immer setzt er noch einen strukturierenden Akzent. Baut durchdacht Schicht um Schicht auf und reißt sie ebenso durchdacht, klug brutal, ab. Berührt umso inniger in den Binnen-, Seiten- und Nebengefilden der brucknerschen Symphonik.

jose_de_ribera_025Unendlich klare Streicherlinien durchziehen das ganze Werk, da klingt dann noch Strawinskys zuvor gehörter neunmalschlauer Minimalismus nach. In den Bratschen hört man im Andante, quasi allegretto die Trillerfigur von Apolls Thema wieder und wieder. Die schweren Seufzer des Blechs erinnern aber an andere Götter, den trunkenen Thraker etwa, dessen angetüterte Luschtigkeit in unendlichem Weltweh vergeht, der Ländler-Lorbeer wird zur Dornenkrone.

Intimes Bekenntnis: Wohl jeder für Musik empfängliche Mensch stellt irgendwann in jungen Jahren fest, dass Bruckner besser ist als Sex – dem Konzertgänger reifte diese Erkenntnis anlässlich des Scherzos der Vierten. In media vita verändert sich diese Erkenntnis dergestalt, dass 1) Bruckner besser ist als Essen und 2) man es stärker als im Scherzo nun im (bei Metzmacher attacca anschließenden) Finale spürt. Es beginnt mit der gewaltigsten aller gewaltigen Steigerungen, hat die sehnsuchtstänzerischsten Nebenthemen und endet schließlich in der allergewaltigsten aller allergewaltigen Steigerungen, triumphal, dabei fast sachlich. Musik ohne Anfang und ohne Ende, sie klingt weiter, während man zwanghaft im Bruckner-Rhythmus applaudiert.

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14.12.2016 – Apollonysisch: DSO und Metzmacher spielen Strawinsky und Bruckners Vierte

16 Gedanken zu “14.12.2016 – Apollonysisch: DSO und Metzmacher spielen Strawinsky und Bruckners Vierte

      1. Hagen Enke schreibt:

        Jetzt machen sie mich aber vollends neugierig. Was gemein ist, da Metzmacher ja diskographisch nicht vorliegt. Aber schön, dass sie Norrington auch dekonstruktivistisch hören. Sicher interessant, aber nicht besser als Sex. Da müssen schon Celi, Wand oder Thielemann oder kommen.

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    1. Nee, der ist mir bisher entgangen. Danke für den Hinweis, muss ich mir mal anschauen. Sieht ja sehr seriös aus, auch was Länge und Aufbau der Texte angeht …
      Ja, sieht ähnlich aus, aber bei Ihnen rieseln die schönen Schneeflocken über die Beitragskacheln.

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  1. Habe mir auch überlegt hinzugehen. Aber erstens ist der Apollon eines der Stücke, die man in der Theorie leichter liebt als in der Praxis, und zweitens traute ich Metzmacher nach einigem Hin und Her keinen interessanten Bruckner zu, so positivistisch (und wie ich finde stets etwas geheimnislos) wie Metzmacher meist drauf ist. Aber umso schöner, wenn Metzmacher das gut gemacht hat.

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    1. Ihr fundiertes Urteil über diesen Bruckner hätte mich natürlich interessiert. Was Sie Positivismus nennen, legt andere Geheimnisschichten frei, finde ich.
      Was Apollon angeht, stimme ich Ihnen schon zu. Wie angedeutet, habe ich ja mittendrin ein Minütchen oder zwei in Morpheus‘ Armen versäumt, und ich meine, so ging es mir im Sommer schon, als Gardiner das Stück dirigiert hat, vor dem viel aufregenderen Oedipus Rex.

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      1. Ach, DER Hypnos.
        Ach, was heißt fundiert, entweder einem gefällt es oder eben nicht. Ich bereite mich inzwischen häufiger via Partitur vor als früher, aber live im Konzert nützt das Null, finde ich.
        Sie waren nicht Thielemann-Bruckner-7?

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