25.9.2016 – Glückfruchtend: Ton Koopman und Avi Avital mit dem DSO

Die Glückskombi schlechthin heißt Ton Koopman und Avi Avital, wie sich in diesem nachgerade befruchtenden Konzert zeigt.

medieval_musician_playing_gitternJohann Nepomuk Hummels Mandolinenkonzert G-Dur (1799) mag ein im Großen wie im Kleinen recht übersichtlich gebautes Werk sein, mit so ebenmäßigen Perioden, dass man im Kopfsatz schon 4/4-Takt-Überdruss verspüren könnte. Zudem sind die Klangfarben der (Nachtrag: unverstärkten) Mandoline ja nicht unbegrenzt. Aber Avi Avital spielt sie mit solch mitziehendem Schwung, dass man sie vom ersten bis zum letzten Ton für die Königin der Instrumente hält.

Reizvoller noch als der erste Satz ist das Andante con variazioni, das serenadenhaftes Don-Giovanni-Flair verströmt. Würde Avital (der Mozarts Canzonetta schon auf der Opernbühne gezupft hat) mit seiner Virtuosität unredliche Absichten verfolgen, könnte er gewiss bald singen: Ma a Berlino son già mille e tre. Das glänzend aufgelegte Deutsche Symphonie-Orchester hätte sich der Beihilfe zur Verführung unschuldiger Musikfreundinnen schuldig gemacht und der Dirigent Ton Koopman handfester Kuppelei. (Wobei dem Konzertgänger schon Frauen von höchstem Format ihre Liebe zu Koopman gestanden haben!)

Spanish_Serenade_by_Carl_SpitzwegMusikalisch noch interessanter ist Antonio Vivaldis Concerto für Mandoline, Streicher und B.C. C-Dur 425, in dem anfangs alles zupft: nicht nur die Mandoline, sondern auch die Streicher, das Cembalo sowieso. Die Begleitung reflektiert den spezifischen Charakter der Mandoline viel stärker als Hummels späteres Konzert. Die Krönung (oder besser, aufgrund des Schmalzfaktors: Salbung) ist dann Avitals Zugabe, das Largo aus Vivaldis Flötenkonzert C-Dur, in dem Avital über den stehenden Tönen der Streicher seelenvoll tremoliert.

Die Mandolinenstücke sind nur zwei Juwelen aus der großen Schatztruhe, die Ton Koopman nach Berlin mitgebracht hat. Jean-Féry Rebels Ouvertüre „Le chaos“ (1738) ist ein gern gespielter Barock-Einsteiger wegen des effektvollen Clusters am Anfang. Koopman rudert beim Dirigieren, als wollte er persönlich Ordnung in die Ursuppe bringen.

Nicht nur bei Rebel symbolisieren die Geigen das Element des Feuers, auch in Jean-Philippe Rameaus Les Indes galantes-Suite glühen die Streicher. Mit scharfen Akzenten und zugespitzten dynamischen Kontrasten beweist das DSO wie bei Koopmans letztem Berliner Konzert 2015: Historische Aufführungspraxis rocks. Beeindruckend, wie das Deutsche Symphonie-Orchester, dessen Kurzzeit-Chef Tugan Sokhiev völlig anderen Klangidealen frönt, „Originalklang“ kann. Kein Klang schwappt zu den Seiten raus, alles schießt voran. Oder herab, in Orage spürt man das Gewitter förmlich am eigenen Leib niederkommen. Beim abschließenden Rondeau, dem als Les Sauvages oder Tanz der Großen Friedenspfeife bekannten Ohrwurm, hebt Koopman selbst fast vom Podest ab.

Ton Koopman, bald 72, ist mit seinem grandiosen Elan, vom Auftritt über die schwungvolle Orchesterleitung bis zu den schwungvollen Verbeugungen, der wandelnde Beweis, dass Musik ein Jungbrunnen ist. e82e15245abca32b95a4bc705dd5246bIn zwei weiteren Concerti von Vivaldi, für vier solistische Cembali statt Violinen bearbeitet (eins von Bach, eins von Koopman), setzt er sich selbst an die Tasten, gemeinsam mit Tini Mathot, Kathryn Cork und Patrizia Marisaldi. Drei Vivaldi-Concerti nacheinander (inklusive Mandolinenkonzert) würden eventuell nicht zu wenige sein, fürchtete der Konzertgänger zuvor, aber die Bedenken lösen sich gleich in Luft auf.

Allerdings zeigt sich, dass die Cembali in der Philharmonie eher an akustische Grenzen stoßen als die Mandoline. Was in Block D, Reihe 6 vom energiegeladenen Konzertieren noch ankommt, wissen die Götter. Stellenweise wird die Basslinie des Solo-Cellisten Mischa Meyer fast zur Hauptsache. Im Largo aus RV 549 mit seinem Gebetscharakter hat der leise Ton der Cembali aber wiederum einen fast metaphysischen Reiz, der Flehende scheint besonders klein vor der Weite der Welt; äußerst eindringlich die Episoden des Satzes, die nur von drei Bratschen begleitet werden.Im dritten Satz kommt bei den heftig angeschlagenen Akkorden ein subtil perkussives Element hinzu, das Cembalo wird zur Hammerzimbel.

Nach all den feinen Klängen bläst der finale Prachtsound von Georg Friedrich Händels Concerto a due cori F-Dur HWV 334 (1748) den Hörer fast weg. Ein Händel ohne jede Behäbigkeit. Im Hin und Her der beiden Bläsergruppen (die mit cori gemeint sind) schießt der Freudefaktor dieses Konzerts endgültig durch die Decke, die Glückshormone der Hörer in jeden Körperwinkel.

Kann es Zufall sein, dass vor der Philharmonie ein in innigstes Knutschen versunkenes Paar steht? Man sollte in neun Monaten die Geburtenrate unter den Besuchern dieses Konzertes prüfen.

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