Hörstörung (8): Ein Opernfreund schlägt zu

Sehr kultiviert wirkte der ältere Herr, soigniert, hätte man früher gesagt, der bei den Hugenotten in der Deutschen Oper neben dem Konzertgänger saß. Aus Argentinien kam er, stellte sich im Gespräch vor Beginn heraus, er sprach hervorragend Deutsch und erzählte vom Teatro Colón ebenso wie von Carlos Kleiber in München.

Fünfeinhalb Stunden später leuchtete es plötzlich vor uns hell auf: Der Mann, hinter dem wir saßen, begann mit seiner Handykamera die Bühne zu filmen. Elende Störung mitten im fesselnden Schlussakt, und der Mann machte keine Anstalten, sein Handy wieder auszuschalten.

Da schlug der soignierte Herr aus Argentinien zu.

i-1-4368_georgebellows-wp1Er tippte den Kameramann vor uns nicht etwa an, zischte auch nicht, nein, er verpasste ihm einen einzigen kräftigen, knallenden Schlag mit der Handfläche aufs Schulterblatt.

Erschrocken und vor Empörung schnaufend drehte der Kameramann sich um, schaute den Argentinier mit zornfunkelnden Augen an und – kehrte sich wieder ab und packte sein Handy ein.

Nach der Vorstellung schaute er den Argentinier noch einmal entgeistert an, sagte aber kein Wort.

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Hörstörung (8): Ein Opernfreund schlägt zu

11 Gedanken zu “Hörstörung (8): Ein Opernfreund schlägt zu

  1. Podiums-Abonnent schreibt:

    Es tut mir leid, kürzer kann ichs nicht machen:

    September, Philharmonie, Nelsons, Symphonie fantastique, Podium, direkt vis-a-vis vom Pult.

    Neben mir junger Mann mit Freundin. Kriegt sein Handy nicht aus der Hand.
    Liest, twittert, unterhält sich mit ihr. Nicht unbedingt diskret.
    Mein erster Hinweis, ganz leise und sacht: „Please refrain from talking and using your mobile phone, I am here for the music“
    Schaut er mich an, überrascht offenbar darüber, dass ich es wage ihn zu stören.
    Keine Verhaltensänderung.
    Dass er nach dem ersten und zweiten Satz applaudierte störte mich dann schon weniger; es störte ihn ja auch nicht, dass so gut wie niemand seinem Beispiel folgte.
    Sein Mitteilungs- und Informationsbedürfnis loderte jedoch bald wieder auf.
    Zweiter Hinweis, ganz leise und sacht: „You really should show some respect, please shut up and turn your mobile off. It´s disturbing.“
    Diesmal schaut er nicht zurück, macht ganz ungestört weiter.
    Nun…
    Dritter Hinweis, immer noch leise aber con brio: „If you don´t shut the f… up right now I`ll throw you in the timpani“
    Zugegeben, keine nette und auch keine sehr realistische Bemerkung.
    Diesmal bekomme ich wieder einen Blick zurück.
    Da legt er den Finger auf die Lippen und macht: „Pssst…“ Und danach macht er weiter, mit Handy, mit Freundin, gleichzeitig und nacheinander.
    Ein Bekannter meinte später zu mir, er hätte vielleich das Wort „timpani“ nicht verstanden. Vielleicht hätte es daran gelegen. Möglich.

    Nun…

    Man ist da hilflos. Was will man machen? Das Thema verbal zu vertiefen ist nicht die Gelegenheit. Aber muss denn Unverschämtheit (so wertete ich das) immer gegenüber „dem Anstand“ den Sieg davon tragen weil eben „dieser Anstand“ angemessene Reaktionen in der Situation nicht gestattet?
    Als Kind hätte ich meine Mutter fragen können, als erwachsener Konzertbesucher ist man da recht allein gelassen.

    Was folgt – unausgesprochen bleib es denn ewig…
    Die Andeutung muss reichen, dass ich durchaus handgreiflich wurde.
    Ein kurzer Griff. Der ihn begreiflicherweise sehr erschreckte.
    Ich kann nicht sagen, dass ich eine Sekunde vor meiner aus der Not geborenen Tat wusste, was ich tun würde. Und es erschreckte mich selbst ein bisschen.
    Jedenfalls hatte ich seine Aufmerksamkeit.
    „I`ll see you outside…“ raunte er rüber. Ich lächelte einladend zurück.

    Nun…

    In gewisser Weise hat es funktioniert. Fortan Ruhe an meiner Seite.
    Und ab dem dritten Satz schien mein neuer Bekannter sogar irgendwie begriffen zu haben,
    dass Musik durch Zuhören in ihrer Wirkung irgendwie gewinnt. Am Schluss klatschte er sich die Hände tot und gab eine, recht einsame, standing ovation.
    Wir nahmen dann verschiedene Ausgänge, eine Nachbesprechung des Konzerts fand nicht statt.

    Ich kann nicht sagen, dass ich an diesem Abend sein Verhalten nachvollziehen konnte.
    Genauso wenig wie meins. Ehrlicherweise war ich von mir mehr verstört als von ihm.

    Nun hab ich 3 Karteikärtchen vorbereitet um halbwegs vorbereitet zu sein und nicht improvisieren zu müssen. Die kann ich im Bedarfsfall akustisch unaufdringlich überreichen.

    1. Karte: „Please turn your mobile phone off. It is not allowed and quite disturbing. Thank you!“

    2. Karte: „You can take a tour on the afternoon to visit this building without having to listen to this music you obviuosly dislike. It´s also cheaper!“

    Der Text der 3. Karte ist etwas weniger einfühlsam. Lassen wir das.

    Ich hab die 1. Karte einmal verwenden müssen. Die Reaktion war zufriedenstellend.

    Dann gibts noch den Koreaner, die nachdem der letzte Ton verklungen ist (DSO, Metzmacher, Bruckner 4), sofort seinen Freunden twittern, dass ihm das Konzert gefallen hat. Statt es den anwesenden Künstlern durch Applaus zu zeigen. Da frug ich ihn beim Rausgehen, woher er komme. Auf seine Antwort fiel mir nur ein:
    „What a sad county for classical musicians. Facing the crowd after the performance and watching a few hundred people playing with their phones instead of acknowleding their work.“
    Worauf er ganz unschuldig entgegnete: „Yes.“

    Das Mitmusizieren des Publikums durch Husten, Bonbonpapier-Rascheln, Programmheftverlust usw. nehme ich in Kauf, es stört mich nicht, da seh ich keine Absicht. Aber bei manchen Fällen ist Gedankenlosigkeit von Grobheit nicht leicht für mich zu unterscheiden.
    Dann fühl ich mich wirklich, wirklich hilflos.
    Anlässe zu diesem Gefühl haben, auch dank Nokia und Co., spürbar zugenommen.

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  2. Zusätzlich muß ich noch loswerden:. Sowas wie der ältere Herr würde ich im echten Leben nicht tun – man empfände das vielleicht schon als Gewalt, selbst wenn es wohl nur ein Klaps war – wahrscheinlich 99 Prozent aller anderen hiesigen Konzertgänger auch nicht. (Mindestens die Hälfte zögen sich dabei auch zusätzlich zur Arthrose noch selbst eine ausgerenkte Schulter und Hämatome an der Handfläche zu 🙂 ) Spekulation: Vielleicht hat man es hier mit einem veritablen kulturellen Unterschied zu tun, war dieses Ereignis ein „leichtes Antippen“ Argentiniens. Da gestikuliert man auch wilder, könnte ich mir vorstellen. Allerdings war ich noch nie da, das hat Argentinien mit Sido-Konzerten gemeinsam. Heute abend halte ich jedenfalls in der Spreephilharmonie nach Schulterklopfern und Smartphonesündern ausschau, um meine Spekulationen zu überprüfen.

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    1. Die Spekulation geht, glaube ich, fehl. Der kultivierte Herr wirkte (wie es mir schon bei einigen Argentiniern aufgefallen ist) europäischer als jeder Europäer. Nix von heißblütigem Latino, sondern gebildeter Abendländer durch und durch.

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  3. Bei euch Klassikfreunden geht es ja zu wie auf Sido-Konzerten! Ich finde, Gewalt ist keine Lösung. Ein zärtlich geflüstertes „Du, das find ich gar nicht gut von dir!“ hätte es auch getan. Man kann doch das gemeinsame Gespräch suchen und sich Lösungswege aufzeigen … Andererseits, vielleicht auch doch nicht.

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    1. Uwe Mohrmann schreibt:

      Natürlich ist „Gewalt“ keine Lösung. Aber, wie in diesem Fall im letzten Akt der Hugenotten, wenn man gebannt ist, und dann so gebannt ist, dann gehen schon mal die Gäule durch. Haben Sie es schon mal mit Flüstern versucht und die Reaktionen miterlebt? Wahrscheinlich nicht, da kann es dann auch sehr unschön werden

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