Also sang „Zoroastre“: Rameau an der Komischen Oper

Wetten, dass das die lustigste Premiere der Saison ist? Jean-Philippe Rameaus Oper Zoroastre 261 Jahre nach ihrer Entstehung erstmals überhaupt in Berlin, ausgerechnet an der Komischen Oper.

ClavisArtis.MS.Verginelli-Rota.V1.003rDass man en passant erfährt, dass Sarastro von Zoroaster (alias Zarathustra) kommt, ist nur ein willkommener Nebeneffekt. Oder hat das die ganze Welt schon immer gewusst, nur der Konzertgänger nicht? Insofern passt Zoroastre wie der Tofu-Fisch aufs E-Bike zur Zauberflöte, mit der die Komische Oper gerade in Moskau war.

Auch Rameaus Librettist Louis de Cahusac war ein Freimaurer, und auch Zoroastre handelt vom Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit, des Tags wider die Nacht. Wie der Regisseur Tobias Kratzer die verworrene Auseinandersetzung zwischen Weiß und Schwarz auf die Bühne bringt, ist nicht weniger als: saukomisch. Wie er aber Weiß und Schwarz dann in ein grelles Grau vermengt: saugut. „Also sang „Zoroastre“: Rameau an der Komischen Oper“ weiterlesen

Also sang „Zoroastre“: Rameau an der Komischen Oper

Fegend: Akamus, Emmanuelle Haïm, Sandrine Piau mit Rameau und Händel

Wenn Rameau kommt, pfeift’s im Kamin der Musikgeschichte. Rameauneurs nannte man seine von den Lully-Treuen geschmähten Anhänger: Schornsteinfeger (ramoneur). Hat der grandiose Teodor Currentzis deshalb bei seinem Rameau-Projekt so mit der Licht-Metaphorik genervt? Die Akademie für Alte Musik führt jedenfalls im Konzerthaus einen feineren, aber ebenso wirksamen Besen, die Dirigentin Emmanuelle Haïm ist eine famose Oberkehrerin und die Sopranistin Sandrine Piau ohnehin der heißeste Feger auf jedem Dach. Die Anna Magnani des Barockgesangs, hat Alfred Brendel sie genannt, und ein Fan sagt: bestangezogene Sängerin überhaupt.

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Fegend: Akamus, Emmanuelle Haïm, Sandrine Piau mit Rameau und Händel

Sorgfältig: Grigory Sokolov spielt Mozart, Beethoven und 6 Zugaben

Man solls ja nicht übertreiben mit den religiösen Metaphern, aber hat Grigory Sokolovs alljährliches Rezital nicht etwas Epiphanisches oder Österliches? Wen sein Mozart nicht Hammershoientrückt, den verklärt sein Beethoven. Dabei tut Grigory Lipmanowitsch gar nichts Weihevolles oder Hohepriesterliches, sondern tapst (rechte Hand frei schwingend wie die Frackschöße, linke Hand auf dem Rücken) aufs Podium der Philharmonie und spielt dort Klavier.

Das allerdings besonders sorgfältig.

Darum ist es auch so schummrig: nicht von wegen Erhabenheit und Zeremonie, sondern damit Grigory Lipmanowitsch besser spielen und wir besser zuhören können. Wir versuchen ihn in diesem Jahr übler denn je zu stören, hustend, niesend, mehrmals zur Unzeit reinklatschend und überhaupt mit frenetischem Jubel, der ans Peinliche grenzt. Aber Grigory Lipmanowitsch lässt sich nichts anmerken, unklar, ob er überhaupt weiß, dass wir da sind. In welcher Stadt er sich befindet. Er hat ja auch Besseres zu tun. Er spielt Klavier. „Sorgfältig: Grigory Sokolov spielt Mozart, Beethoven und 6 Zugaben“ weiterlesen

Sorgfältig: Grigory Sokolov spielt Mozart, Beethoven und 6 Zugaben

25.9.2016 – Glückfruchtend: Ton Koopman und Avi Avital mit dem DSO

Die Glückskombi schlechthin heißt Ton Koopman und Avi Avital, wie sich in diesem nachgerade befruchtenden Konzert zeigt.

medieval_musician_playing_gitternJohann Nepomuk Hummels Mandolinenkonzert G-Dur (1799) mag ein im Großen wie im Kleinen recht übersichtlich gebautes Werk sein, mit so ebenmäßigen Perioden, dass man im Kopfsatz schon 4/4-Takt-Überdruss verspüren könnte. Zudem sind die Klangfarben der (Nachtrag: unverstärkten) Mandoline ja nicht unbegrenzt. Aber Avi Avital spielt sie mit solch mitziehendem Schwung, dass man sie vom ersten bis zum letzten Ton für die Königin der Instrumente hält.

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25.9.2016 – Glückfruchtend: Ton Koopman und Avi Avital mit dem DSO

25.2.2016 – Arachnophonia: Rattle und die Philharmoniker spielen Roussel, Szymanowski und Rameau

Insektenalarm in der Philharmonie! Mit Geigenglissandi lässt die Spinne ihren Faden herab, zum Marschrhythmus der Kleinen Trommel ziehen die Ameisen ein, die Flöte bläst sanft den Schmetterling durch den Garten. Albert Roussels Le Festin d’araignée (1913) ist ein Wunder an Farbigkeit, ein gefundenes Fressen für die Instrumentenzauberer der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle. Im Fressen und Gefressenwerden endet auch das Stück, diesen Karneval der Insekten könnte nämlich ein Kinderschreck komponiert haben: Da flattert der Schmetterling aufs herrlichste, und… hat ihn schon, um mit Donald Duck in der Übersetzung von Erika Fuchs zu sprechen. Die Spinne wird ihrerseits von der Gottesanbeterin verzehrt, und das kurze Leben der Eintagsfliege (Celesta) endet in Nacht und Trauermarsch. Vergänglichkeit der Schönheit, flüchtig wie Musik.

Acht Arme scheint auch Konzertmeister Daniel Stabrawa zu haben, der in Karol Szymanowskis Violinkonzert Nr. 2 (1933) als uneitler Solist im geigerischen Dauerlauf brilliert. Szymanowski hat sich in diesem späten Werk von bäuerlichen musikalischen Traditionen der Goralen in der Tatra inspirieren lassen. Aber obwohl diese Musik mit ihren eindringlichen, fast penetranten Terzwiederholungen stampft und schrubbt, Lichtjahre entfernt von den sirrenden Visionen des Vorkriegs-Szymanowski, ist sie softer und geschmeidiger als Bartók-Folklore: Allegretto barbaro, volkstümlich aus dem Geist der Décadence. Ihr Intro ist so schwebend wie die Andantino-Brücke zum Schlusstanz, und ziemlich genau in der Mitte klopft die Kadenz an Himmelsgefildetüren.

Reines Glück sind Les Boréades von Jean-Philipppe Rameau, ein Lieblingsstück von Simon Rattle, der die hier aufgeführte Suite aus Rameaus letzter Oper (1763) selbst zusammengestellt hat. Obwohl man jedes Stück wiedererkennt, ist es völlig andere Musik als der spektakuläre, ruppige Rameau von Teodor Currentzis und MusicAeterna, der vor einem Jahr im Radialsystem zu hören war (mit Polonaise-Zwang fürs beklommene Auditorium): Bei Rattle ist alles filigran und ausgewogen, dafür paradoxerweise umso kontrastreicher. Denn es gibt hier nicht nur Stürme, sondern auch jede Menge sanfte und heitere Winde.

Wie es sich für eine Oper über Liebes- und Standeshändel unter Windgöttern gehört, dominieren die Holzbläser, die nicht umsonst auf Englisch winds heißen. Die damals neue Klarinette kommt vor, von der Rameau gleich in der Ouvertüre reichlich Gebrauch macht (Wenzel Fuchs). Später zarte Flötenklänge (Mathieu Dufour), in der Gavotte dann zwei Piccoloflöten, die von den Fagotten immer wieder in die Luft gestoßen werden. Herrlich der brummige Ohrwurm im Contredanse en Rondeau; und in der brausenden Suite des Vents freut sich die ehrwürdige Windmaschine, mal etwas anderes zu erleben als immer nur Alpensymphonie und Holländer. Die bizarr stockende Bourrée: Les Vents perdent leurs forces lässt Rattle gleich zweimal spielen, um das staunende Publikum zu überzeugen, dass man sich nicht versehentlich zu Strawinsky verlaufen hat.

Mit einem hat Currentzis Recht: Rameau zaubert Licht in die Herzen seiner Hörer. Ein beglückendes Konzert der Berliner Philharmoniker.

Nochmal am Freitag und Samstag. Noch einige Karten erhältlich. Samstag auch in der Digital Concert Hall.

Dieses Konzert wurde auch von Kultursenator Schlatz rezensiert.

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25.2.2016 – Arachnophonia: Rattle und die Philharmoniker spielen Roussel, Szymanowski und Rameau