21. + 23.5.2016 – Klavierfestival (2+3): Benjamin Grosvenor und Paul Lewis

Fumagalli_2Nach dem gelungenen Auftakt mit Nikolai Lugansky zwei weitere Konzerte des Klavierfestivals mit erstklassigen Pianisten, die aus unerfindlichen Gründen sonst nie solo in Berlin zu hören sind: Die Engländer Benjamin Grosvenor am Samstag und Paul Lewis am Montag im Kleinen Saal des Konzerthauses.

Das große Manko bleibt (bei aller Sympathie für Alternativen zum ewigen Steinway-Einerlei) der farbenarme Flügel der Firma Yamaha, die als Sponsor das Festival allerdings überhaupt erst ermöglicht. Maurice Ravels Le Tombeau de Couperin klingt bei dem technisch äußerst versierten Benjamin Grosvenor wie eine Spieldose aus Plastik. Eine stupend fingerfertige Schlusstoccata tröstet darüber hinweg. Auch in Frédéric Chopins bravourös gespielter 2. Sonate b-Moll op. 35 (vor zehn Tagen von Grigory Sokolov in halbem Tempo zu hören) klingen die Töne der unendlichen Kantilenen im zweiten und dritten Satz wie Kunststoffperlen. Aufregende Entdeckungen jedoch, was Grosvenor etwa im Kopfsatz an Bassfiguren herausdestilliert; und das kurze Finale hat nichts Verhuschtes, sondern klingt in seiner Zerfetztheit so modern, dass es den Hörer vor den Kopf schlägt. Ein unerwartetes Wunder ereignet sich schließlich in Franz Liszts Claude_Monet,_Saint-Georges_majeur_au_crépusculeVenezia e Napoli, als Grosvenor nicht nur die erwartet hohe Viortuosität zeigt, sondern dem Flügel Klangfarben und Schattierungen entzaubert, die man zuvor nicht für möglich hielt. Ein Hochgenuss!

Noch bezaubernder gelingt dies Paul Lewis, der einen so feinen, konzentrierten Anschlag hat, dass er auch eine klobige Kommode zum Singen brächte. Da der Yamaha ja nun auch kein wirklich schlechtes Instrument ist (abgesehen vom Pitschpitsch in den obersten anderthalb Oktaven), ist Lewis‘ Rezital traumhaft schön. Seinen Ruf als erstklassiger Schubert-Pianist, ein Meister der Anfänge und Übergänge, hat er offenhörlich zu Recht; wie seine Hand nonchalant ins Scherzo der Sonate H-Dur D 575 (1817) hüpft, ist unwiderstehlich. Und wenn er Johannes Brahms‘ frühe Balladen op. 10 singt, wird der Hörer zur verzückten Clara Schumann:

Es ist wirklich rührend, wenn man diesen Menschen am Klavier sieht mit seinem interessant jugendlichen Gesichte, das sich beim Spielen ganz verklärt, seine schöne Hand, die mit der größten Leichtigkeit die größten Schwierigkeiten besiegt, und dazu diese merkwürdigen Kompositionen.

Noch merkwürdiger, noch schöner Brahms‘ späte Intermezzi op. 117, die man auch als innigen Abschluss des Abends nähme. Aber zumindest eine Zirkusnummer muss hier wohl jeder Pianist bringen: Lewis absolviert diese Pflicht mit Franz Liszts alberner Dante-Sonate mit ihren zwei Millionen Doppelschlägen und sieben Millionen Höllenfahrt-Tritonussen hochvirtuos. (Ausgerechnet da beruhigt und begeistert sich das wie schon bei Lugansky sehr hibbelige Publikum, in dem diesmal besonders ein Husten-Hephaistos auf der Galerie und eine aufmerksamkeitsheischende Dame im Luftfächerwahn übel auffielen.)

Um so bewundernswerter, dass Paul Lewis so schön Schubert spielen kann, wie er in der zweiten Zugabe zeigt, dem ersten der Moments musicaux.

Darum noch eine weitere Zugabe:

Noch zwei Konzerte am 27.5. (Sophia Pacini) und 2.6. (Nikolai Demidenko).

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21. + 23.5.2016 – Klavierfestival (2+3): Benjamin Grosvenor und Paul Lewis

6.3.2016 – Bildhaft: Mit Juri, Mussorgsky und dem RSB im Museum

Die Tochter des Konzertgängers steht zwar klassischen Konzerten prinzipiell skeptisch gegenüber, weil es da zu wenig schicke Kostüme gibt. Museen allerdings schätzt sie so sehr, dass man sie locken kann: „Wenn du jetzt Geige übst, geh ich nachher mit dir ins Museum!“ Ein für den Vater unbegreifliches und vermutlich weltweit singuläres Phänomen. Auf ein Konzert, in dem es um ein Museum geht, lässt sie sich also huldvoll ein. Zumal wenn es von dem aus dem Baumhaus wohlbeleumundeten Kika-Moderator Juri Tetzlaff moderiert wird; die Erkenntnis, dass es Menschen aus dem Fernsehen in echt gibt, wirkt ja auch auf Erwachsene oft magisch.

Hat es Modest Mussorgsky wirklich gegeben? Da ist der Konzertgänger, wie bei anderen Komponisten, nicht sicher. (Den künstlichen Menschen Ravel muss es allerdings gegeben haben, sonst könnte es nicht so eine fantastische Fantasie über ihn geben wie den Ravel-Roman von Jean Echenoz.)

In einem Kinderkonzert ist die Frage müßig, ob der großartige Ravel mit seiner großartigen Instrumentierung Mussorgskys ungehobelte Bilder einer Ausstellung vielleicht großartig verhunzt hat: Orchesterfarben können für Kinder nicht hell genug leuchten; die Freude an Mathis dem Maler kommt dann später, wie Haarausfall und Hüftspeck. Das Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB) pinselt im Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks prächtig: die auf dem Ochsenkarren singende Tuba  in Bydlo, die aus Eierschalen schlüpfenden Flöten im Ballett der Küken, die schnarrend bettelnde Trompete in Samuel Goldenberg und Schmuyle – bis das ganze Orchester mit vereinter Wucht das Große Tor von Kiew durchschreitet. Der Dirigent Steffen Tast (an sich RSB-Musiker bei den ersten Geigen) leitet mit sicherer Hand. Schon in die erste Promenade mit ihrem Wechsel von 5/4 und 6/4-Takt lässt er das Orchester flott hineinmarschieren, ganz richtig, mit Kindern schlurft man nicht durchs Museum.

Außerdem ist Tast ein angenehm eloquenter Sidekick für den Moderator Juri  Tetzlaff, der leibhaftig genauso nett wirkt wie in der Glotze. Vor allem überzeugt sein Konzept: In den ersten Stücken wird die Vorstellungskraft der Kinder noch mit Hilfe von projizierten Bildern entzündet (und zwar nicht der Originale von Wiktor Hartmann, die zum größten Teil ohnehin verloren sind, sondern von acht Berliner Schulklassen, die auch die Promenaden pantomimisch darstellen). Aber sobald das jeweilige Stück beginnt, verdunkelt sich die Leinwand. Und nach dem 5. Stück hat die böse Baba Jaga die Bilder geraubt, so dass die Kinder komplett auf ihre eigene Imaginationskraft angewiesen sind!

Schließlich wird die olle Hexe aber mit einem gemeinsamen Zauberspruch Mores gelehrt, und die Bilder purzeln zurück auf die Bühne. In den Köpfen der Kinder tanzen und klingen sie ohnehin.

Der Tochter des Konzertgängers gefällt selbstredend die hühnerfüßige Hütte der Baba Jaga am besten. Sie kündigt an, ab jetzt öfter ins Konzert zu gehen.

Nachtrag: Auf dem Education-Blog des RSB erfährt man mehr über die Arbeit mit Schulklassen unter dem Motto „Mussorgsky neu verföhnt“.

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6.3.2016 – Bildhaft: Mit Juri, Mussorgsky und dem RSB im Museum

30.11.2015 – Ionisierend: François-Xavier Roth franzisiert die Berliner Philharmoniker

Der Anfang ist ein Coup: Das Donnerwetter von Edgar Varèses Ionisations für 13 Schlagzeuger hallt noch nach, da wird schon die große Trommel gerührt – und wir befinden uns in Jean-Baptiste Lullys Suite Le Bourgeois gentilhomme. Zwei Stücke, zwischen denen 250 Jahre liegen, berühren sich ganz selbstverständlich – ein einfacher, aber umwerfender Effekt. Da vergisst der Konzert gänger glatt, dass Varèses um 1930 provozierende Geräuschmusik für heutige Hörer doch ein ziemlich braves, wohlgeordnetes Klöppeln ist; und er denkt auch nicht mehr darüber nach, ob Varèse die ewigen Sirenenglissandi nicht besser weggelassen hätte. Aber dann wäre sein Markenzeichen perdu.

Man hat sie noch im Ohr, während man sich freut, zwei Theorben unter den Berliner Philharmonikern zu sehen und zu hören. Drei Schlagzeuger heizen mächtig ein, die Avantgarde des 20. Jahrhunderts ist nichts gegen den Hof von Versailles. Der Energielevel dieser Barockmusik erinnert an Teodor Currentzis‘ MusicAeterna, aber am Glanz der Solisten, etwa Mathieu Dufour an der Flöte, erkennt man die Philharmoniker. Was für ein Auftakt! (Auch wenn ein älterer Herr neben dem Konzertgänger für die 13 Varèse-Schlagzeuger demonstrativ nicht klatscht.)

Lauter Premieren: Die herrliche Molière-Suite haben die Philharmoniker nie zuvor aufgeführt. François-Xavier Roth steht zum ersten Mal am Pult der Philharmoniker, er dirigiert Lully in einem tänzelnden Stil wie Professor Abronsius im Tanz der Vampire. Und er franzisiert (ein aus der Mode gekommenes Wort, das um 1900 gang und gäbe war) die Philharmoniker: Hector Berlioz‚ schlagzeugfreie Les Nuits d’été entführen den Hörer in schwerelose Gefilde, eine Welt ohne Bumpern und Stampfen. Anna Caterina Antonaccis Sopran ist ein Himmelsinstrument; dass man wenig vom Text versteht, ist bei so viel Ausdruck egal, man fiebert mit, ohne zu verstehen, worum es geht. (Die deutschen Übertitel sollte man ohnehin besser weglassen.) Wie sie sich in Le Spectre de la Rose mit der Klarinette (Wenzel Fuchs) ineinanderschmiegt, ist fast zu schön für diese Welt. Einziger Wermutstropfen ist wieder einmal der Hustenreigen im Publikum, vor dem Lied Au cimetière klingt es, als wollten einige besonders malade Hörer sich schon um einen Liegeplatz bewerben. Ci scusi, Signora Antonacci!

Nach der Pause gibt es eine weitere Premiere – und zwar von Claude Debussy! Dessen Première Suite d’orchestre, ein Frühwerk von 1883/84, wurde erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt. Am meisten nach Debussy klingt der dritte Satz, der nicht von Debussy ist: Philippe Manoury hat den Rêve, von dem nur eine Klavierfassung vorlag, schillernd instrumentiert, voll extravaganter, schmeichlerischer Mischklänge, exquisiter Soli, üppiger Arabesken. Wenn man diese Musik mit den anderen drei Sätzen vergleicht, schießt das weit über Debussys vielversprechenden, aber hörbar noch an Saint-Saëns, Fauré oder Édouard Lalo orientierten Jugendstil hinaus. Manoury ist eben ein Komponist, kein Philologe – den Hörer freut’s. Und zweifellos klingt auch der Rest dieses Frühwerks von Debussy, sogar das seltsam triumphale Bacchanal-Finale, besser als manches bekannte Hauptwerk.

Der Abend hat längst gewonnen, auch wenn der vermeintliche Höhepunkt, Maurice Ravels La Valse, zur Anti-Klimax wird, zumindest für den Konzertgänger, der eine völlig andere Vision dieses Stücks hat. Nach einem wunderbar tonlosen Beginn der Bässe fallen die Bläser direkt mit der Tür ins Haus – hier hebt sich kein Vorhang, es knallt sofort. So dass der große, apokalyptische Knall später kaum mehr auffällt. Alles glanzvoll, genau, rhythmisch sehr scharf – aber doch auch unbefriedigend geheimnislos. Walzer entverfremdet.

Der großartige Eindruck der ersten Konzerthälfte bleibt trotzdem. Noch einmal heute Abend (1.12.):

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30.11.2015 – Ionisierend: François-Xavier Roth franzisiert die Berliner Philharmoniker