Wollend: Patricia Kopatchinskaja & Iván Fischer mit Sibelius & Bartók im Konzerthaus

50dddab938844c06e7b894ab0874dfb9Forderung: Jede Geigenschülerin im Laufe ihres Geigenschülerindaseins mindestens einmal zu Patricia Kopatchinskaja schicken. Nicht weil sie da die sauberste Bogenführung sähe oder hören würde, wie makellose Intonation geht oder süffiges Vibrato oder historisch korrektes Stilbewusstsein. Sondern weil sie da die Frage vor den Latz geknallt kriegte: Was ist dein Stil? Was willst du von der Musik?

Mit Jean Sibelius‘ Violinkonzert d-Moll op. 47 verabschiedet sich PatKop von der hochoffiziösen Würde als Staatsviolinistin-in-residencia des Konzerthauses. Da weht einen teils ein eisiger Wind an, so ungewohnt klingt das alles. „Wollend: Patricia Kopatchinskaja & Iván Fischer mit Sibelius & Bartók im Konzerthaus“ weiterlesen

Wollend: Patricia Kopatchinskaja & Iván Fischer mit Sibelius & Bartók im Konzerthaus

Entbretternd: RSB und Pietari Inkinen spielen Janáček und Sibelius

Marc-blue-black_foxEs gibt Programme, die einen retten, wenn man gerade ganz vernagelt ist im eigenen Kopf und die innere Welt vor lauter Brettern nicht sieht. Ein solches Programm spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter dem jungen Finnen Pietari Inkinen im Konzerthaus.

Die Welt dieses Programms ist bevölkert von galoppierenden Helden an nordischen Meeren und von sentimentalen Förstern in böhmischen Wäldern. Und natürlich von einer mystisch-erotischen Füchsin: Die posthum zusammengestellte Suite aus Leoš Janáčeks Oper Das schlaue Füchslein steht in der Mitte des Programms, zwischen Sibelius und Sibelius.  „Entbretternd: RSB und Pietari Inkinen spielen Janáček und Sibelius“ weiterlesen

Entbretternd: RSB und Pietari Inkinen spielen Janáček und Sibelius

12.2.2017 – Nordfeurig: Konzerthausorchester, Schønwandt, Ibramigova, Mönkemeyer spielen Mozart, Sibelius, Niels Gade

Niels Gade? Von dem kennt man doch nur das Nordische Lied. Und das ist von Schumann. Als Gruß an G, in Form des G-A-D-E-Motivs:

Dass Gade (1817-1890), Vater der dänischen Romantik, kaum gespielt wird, versteht man um so weniger, wenn er doch mal gespielt wird. Allein dafür gebührt dem Konzerthausorchester der Goldene Lorbeer – oder das Goldene Smørrebrød. „12.2.2017 – Nordfeurig: Konzerthausorchester, Schønwandt, Ibramigova, Mönkemeyer spielen Mozart, Sibelius, Niels Gade“ weiterlesen

12.2.2017 – Nordfeurig: Konzerthausorchester, Schønwandt, Ibramigova, Mönkemeyer spielen Mozart, Sibelius, Niels Gade

22.3.2016 – Kantabel: Geburtstagskonzert für Aribert Reimann

Immer schön, wenn die Berliner Opernorchester mal aus dem Graben heraufkraxeln und oben in ganzer Pracht zu hören sind – wie das Orchester der Deutschen Oper am Dienstagabend im Sinfoniekonzert zum 80. Geburtstag von Aribert Reimann. Ein eher informelles Festkonzert, was ja auch ganz sympathisch ist, kein Gedränge, keine Pompösitäten. Das eigentliche Fest wird 2017 stattfinden, wenn Reimanns neues Werk an der Deutschen Oper aus der Taufe gehoben wird, wie der Intendant Dietmar Schwarz bei einer kleinen, improvisiert wirkenden Ansprache verkündet (die der betagte, aber erfreulich agil wirkende Jubilar auf der Bühne stehend anzuhören hat).

Das Orchester wird dann wieder im Graben sitzen, denn Reimann komponiert zwar modern, aber ohne neumodische Faxen. Vier Reimann-Opern hat die Deutsche Oper seit 1970 bereits uraufgeführt, vor dem Konzert bedauert man, dass nicht eins der Stücke auf die seit Jahren reimannlose Bühne zurückkehrt. Aber auch in den hier zu hörenden Stücken entfaltet sich der Zauber, den Wolfgang Rihm in seiner Laudatio als Kantabilität und Ökonomie beschreibt: Reimann sei der beste Kenner der menschlichen Stimme, von dem alle anderen Komponisten lernten, er schreibe für Menschen, eine Epiphanie des menschlichen Singens sei etwa Melusine. Zu dieser Oper nach Text von Yvan Goll hat Reimann zwei a-cappella-Parerga verfasst, die die Sopranistin Julia Giebel umwerfend interpretiert: reiner Gesang ohne Pusten, Prusten, Husten oder gar elektronische Verfremdung und Zerhackstücken des Textes (Reimann hat die Begegnung mit Stockhausens Gesang der Jünglinge 1956 in Darmstadt wohl eher abgeschreckt), dafür waghalsige Sprünge, ja sogar – horribile dictu – Koloraturen! Am fünftausendsten Abend unserer Liebe bin ich noch immer so schüchtern wie einst, fünftausend Abende lang hätte man zuhören mögen; nur dem Hörer in Reihe 11 hätte man irgendwann das vibrierende Handy entrissen und in den tiefsten Wassern versenkt.

Grandios und ungestört die Drei Lieder nach Gedichten von Edgar Allan Poe, die die Sopranistin Laura Aikin singt: im Sonnet – Silence von solistischen Instrumenten begleitet (jedes eine Stimme, wie Rihm beschreibt), nur die Harfen zu zweit; im zentralen Stück Dream-Land schwebt und springt Aikins farbenreiche Stimme mit ihrer vielgerühmt weiten Tessitura über eindrucksvollen Clustern, die als brummeligstes Brummen beginnen wie La Valse oder Schnittkes Dritte und dann in hypersensiblen Metamorphosen changieren und interagieren. Das Orchester unter Donald Runnicles macht das großartig. Im dritten Stück To- dann nur Horn, Streichquartett und eine Posaune, die die Stimme schließlich ins Schweigen geleitet.

Auf einen Sprung kommt auch Daniel Barenboim vorbei, der bei den Staatsopern-Festtagen gerade zwischen Wiener Philharmonikern, Jonas Kaufmann, Parsifal und Glucks Orfeo herumhetzt und trotzdem niemals gestresst wirkt: Mögen (und müssen) andere auch mehr üben als er, so pusht er mit Genie und Lebensfreude jede Party. Reimannns vierminütiges Klavierstück La Danse Interrompue klingt tadellos, die Finger springen wie die Sopranstimmen; charmant auch, wie sich im Anschluss Pianist und Komponist gegenseitig applaudieren. Barenboim bekennt noch, Reimann etwas schuldig zu sein und gelobt, alles zu tun, um auch einmal eine Reimann-Oper zu dirigieren, dann eilt er hinfort. (Der Verdacht, dass er in der Pause von der Staatsoper herübergeeilt sei und jetzt gleich den 3. Akt von Parsifal leiten müsse, bestätigt sich nicht, bei den Festtagen spielt heute Abend Yo-Yo Ma.)

Am Anfang des Abends stand auf Wunsch von Reimann die 4. Sinfonie e-Moll von Jean Sibelius, die Sinfonie der Komponisten, wie Rihm verrät: kantabel und ökonomisch, als wäre sie von Reimann. Den Konzertgänger springt wie stets ihre Düsternis an, das Thema führt, obwohl es aufwärts geht, gefühlt steil abwärts, zumindest am Anfang. Hat gelohnt, dass das Orchester sich aus dem Graben hochbegibt. Jetzt geht’s wieder runter. Und Aribert Reimann sitzt wahrscheinlich längst wieder an der Arbeit.

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22.3.2016 – Kantabel: Geburtstagskonzert für Aribert Reimann

27.9.2015 – Todestrunken: RSB, Janowski und Matti Salminen mit Reger, Mussorgsky, Sibelius

Heiter wie ein VW-Aktionär ist das Programm, das Marek Janowski mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester im Konzerthaus präsentiert: vorzeitiger Totensonntag im September. Drei schwerstmorbide Werke, komponiert von drei hochgradigen Alkoholikern, serviert der Maestro mit derselben stoischen Miene wie sein buntes Operettenpotpourrie im Frühjahr. Die Musik spricht für sich selbst, auch ohne Ausdruckstanz am Dirigentenpult.

Featured imageDie Bildvorlagen zu Max Regers selten gespielten Vier Tondichtungen nach Arnold Böcklin (1913) harmonieren aufs Innigste mit der berüchtigten Ausmalung des Konzerthauses. Besonders das Gesäß der Najade im Spiel der Wellen hat es dem Konzertgänger angetan. Dabei klingt dieses Vivace-Adagio nicht gerade nach La Mer oder Jeaux d’eau, sondern ist das Gegenteil von freier Tändelei des Wassers, ein durchrhythmisiertes Scherzo. Auch das bumpernde Bacchanale klingt mehr nach teutscher Studentenverbindung als nach Dionysos, man meint dem Komponisten die Burschenschaftlerkappe vom versoffenen Kopf fliegen zu hören. Natürlich darf – auch im Sinne des Abendthemas – Die Toteninsel nicht fehlen, ein nicht gerade subtiles, aber klangmächtiges Musikgemälde. Der Höhepunkt aber ist das erste Stück, Der geigende Eremit: Rainer Wolters gibt den rührseligen Einsiedler, der zwei Streichergruppen (mit und ohne Dämpfer) gegenübertritt. Der Konzertgänger, der sonst heftigen Widerwillen gegen Max Reger verspürt, hört sich das gern an. Und bewundert wieder einmal, wie Marek Janowski und sein Orchester auch ästhetisch Fragwürdiges perfekt durchgearbeitet spielen, um den Horizont ihrer Hörerschaft zu erweitern.

Kein Geringerer als Matti Salminen singt Modest Mussorgskys Lieder und Tänze des Todes (1875-77, hier in der schönen Orchestrierung von Kalevi Aho, 1984). Ob er die vier Lieder gesanglich hinreichend differenziert darbietet, mit der luziden Konzision, die ein richtiger Rezensent erwartet, vermag der Konzertgänger nicht zu beurteilen; auf jeden Fall klingt die unverkennbare Salminenstimme immer noch mächtig beeindruckend, und Salminens Bühnenpräsenz schlägt den Saal in den Bann. Im Wiegenlied reibt der Tod sich die Hände, und niemand wagt Widerspruch, wenn er in der Serenade donnert: Молчи! Ты – моя! Schweig! Du bist mein! Arme Jungfrau, du bist schön, aber was kann man tun? Im Trepak erfriert ein betrunkener Bauer im Schneetreiben, ganz anmutig klingt das, wenn der Bass von Harfe und Holzbläsern begleitet wird. Und der Krieg im letzten Lied Der Feldherr klingt wahrlich nach Krieg. Mussorgsky ist doch ein anderes Kaliber als der Kontrapunktverknoter Reger, denkt der Konzertgänger.

Nach der Pause setzt Jean Sibelius‘ Symphonie Nr. 4 a-Moll (1911) der Herrschaft der Trübsal die Krone auf: herrliche Musik mit einer Extradosis Tritonus, aber auch ein äußerst verstörendes Werk. Es ist, als bereite sich immerzu etwas vor – das dann nie kommt. Alles bricht und reißt ab; wenn man meint, nun endlich beginne der innige Gesang der Oboe oder der Celli, ist es wieder nach ein paar Tönen vorbei. Erst im dritten Satz Il tempo largo entwickelt sich aus der permanenten Aufwärtsbewegung ein großer Höhepunkt, eine gewaltige Klangentfaltung, die aber abrupt endet; nur noch Stillstand auf einem einzigen Ton, Pathétique-Flair. Beim großen Loshopsen im Finale, angestoßen wie schon der Beginn des Kopfsatzes vom Solocello (Konstanze von Gutzeit) und der Violine, schwant dem Hörer bereits, dass dieser Schwung unter Glockengeläut nicht ad astra führen wird. Es geht immer voran, aber nirgendwohin. Irgendwann bleibt die Musik einfach stehen. Alles hat aufgehört, bevor es angefangen hat: auch ein Bild fürs Sterben.

Reger ging ja noch, brummelt ein bestürzter Herr an der Garderobe. Der Konzertgänger hingegen ist begeistert, er geht doch nicht ins Konzert, um fröhlich zu sein: Große Musik, großartig gespielt.

Aufzeichnung des Konzerts am 24. Oktober um 20:04 Uhr im Kulturradio

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27.9.2015 – Todestrunken: RSB, Janowski und Matti Salminen mit Reger, Mussorgsky, Sibelius