12.6.2016 – Sterbend: „Tristan und Isolde“ an der Deutschen Oper

Unbewusst, höchste Lust statt Einigkeit und Recht und Freiheit: Ob es an der vielgeschmähten Inszenierung liegt, dass es bei Tristan und Isolde an der Deutschen Oper trotz Starbesetzung ziemlich leer ist, oder bloß am Deutschlandspiel? Letzteres wäre Kismet, ersteres Quatsch. Denn Graham Vicks Inszenierung von 2011 gehört zum Stärksten und Aufwühlendsten, was in den letzten Jahren auf die Bühne der Deutschen Oper gekommen ist.

Allerdings ist und bleibt es ein Tristan ohne Felsen und ohne Segel, zentral hingegen ein Sarg: Auf ihn fällt das letzte Licht, bevor im 1. Aufzug der Vorhang fällt. Und auf ihn, nicht auf Tristans Leiche, heftet Isolde schließlich das Auge mit wachsender Begeisterung. Der heftige Widerwille, den diese überwältigende Inszenierung bei einigen Besuchern auslöst, dürfte sich ganz erheblich aus der verstörenden Unverstelltheit erklären, mit der Vick das Sterben auf die Bühne bringt: LiebesTOD statt ästhetisch klingelnder Rührung und Entrücktheit. Hodler_-_Valentine_Godé-Darel_im_Krankenbett_-_1914Die Zuschauer sehen das Sterben, wie viele es schon erlebt haben: Im 3. Aufzug sitzt Tristan in einer Art Pflegeheim, im Bademantel, seine Hand zittert in Muhammad-Ali’schem Parkinson zum Tremolo der Streicher. Hinter der Glastür, die auf die Terrasse führt, ist ein furchtbar vertrauter Pflegestuhl zu sehen.

Entscheidend ist aber, dass die Inszenierung diese beklemmend naturalistischen Elemente auflädt und überhöht. Sie ist sowohl physisch als auch metaphysisch, beides auf eine direkte, unmaskierte Weise, die man todesmutig nennen muss. So ist die Glastür zugleich die Tür in die ewige Nacht, fern der Sonne, fern der Tage Trennungsklage, und hinter dieser Tür ziehen jene, die am Ziel sind, ziellos ihrer Wege. Wahn kennt keine Nacht. Der bestürzendste Moment, fast unerträglich in seiner Intensität: Wenn Tristan im 3. Aufzug, unmittelbar bevor Isolde atemlos herein eilt, die Welt durch diese Glastür verlässt, statt der Geliebten noch einmal schwankend entgegen zu stürzen; sodass Isolde den Liebestod mutterseelenallein am Sarg singt statt über einem sichtlich atmenden Heldentenormoppel.

Dying_ValentineUnd die Inszenierung schmiegt sich, trotz oder gerade wegen ihrer Radikalität, Struktur und Klang von Wagners Werk perfekt an. Ihre Statik verweigert sich den läppischen Rudimenten von Dramatik (etwa den Melot-Szenen), die es in Tristan und Isolde noch gibt. Und die stürmischen Umarmungen beider, bevor die Nacht der Liebe herniedersinkt, finden als ungelenkes  Fingerhakeln im Sitzen statt, über der Melamin-Spanplatte eines billigen Universaltisches. Den öden Raum bevölkern und durchqueren immer wieder geheimnisvolle stumme Gestalten: So sitzt anfangs ein Kind mit einem Papierboot am Sarg. Eine wunderschöne nackte Frau schreitet durch die Szenerie. Man kann die beiden als den jungen Tristan und eine Projektion seiner bei der Geburt gestorbenen Mutter begreifen. Im zweiten Aufzug schaufelt ein nackter Mann ein Grab. Während der Schalmeienweise (Holztrompete: Martin Wagemann) ist eine herumwandernde Schwangere zu sehen. All diese Erscheinungen lenken nicht von der Musik ab, sondern heben den epischen Charakter dieses existenziellen Musik“dramas“ hervor.

Die Sänger, Wagner-Interpreten der ersten Liga, lassen sich mit Haut und Haar auf diese Interpretation ein:

Stephen Gould setzt im 3. Aufzug bei Die alte Weise – was weckt sie mich?, von Wagner bewegungslos, dumpf gewünscht, derart gebrechlich, ja (bewusst) falsch singend ein, dass es sich in Ohr und Herz des Konzertgängers beißt. In seinen leisen Passagen, etwa in nun wieder nimm das Schwert im 1. Aufzug, mit ungeheuer fragilem letzten Wort, erreicht er differenzierteste Farbwerte. Oder bleichste Bleiche, so im 2. Aufzug: und was du frägst, das kannst du nie erfahren. (Einen unerwünschten Valeur fügt nur ein bimmelndes Handy hinzu.) An seiner enormen Durchschlagskraft kann ohnehin kein Zweifel bestehen.

Das gilt erst recht für Nina Stemme, die bereits im 1. Aufzug nicht an Kraft spart (nur manchmal Silben zu verschlucken scheint) und dennoch im Liebestod triumphiert. Sie interpretiert ihre Rolle so aktiv es geht, eine fast feministisch selbstbewusste Isolde. Doch auch sie klingt am eindringlichsten in den leisen Momenten, bebend vor Schmerz (Der Tod nun sag ihr Dank) oder vor Sehnsucht (Nicht Hörnerschwall tönt so hold).

Nur im O sink hernieder, Nacht der Liebe verschmelzen die Stimmen der beiden nicht in der erträumenswertesten Weise, zumal Goulds Stimme sich in den Höhen nie ganz öffnet, bisweilen etwas gepresst klingt. Erschwerend kommt hinzu (aber dies ist Hörerpech und den Interpreten natürlich nicht anzukreiden), dass direkt vor dem Konzertgänger eine rothaarige Amerikanerin sich bei jedweder musikalischen Exaltation gebärdet wie Meg Ryan in Harry und Sally.

Auch der Rest der Besetzung ist gut, allen voran Tanja Ariane Baumgartner als vibratoreiche, fast heroische Brangäne (manchmal eher Herrin als Dienerin) und die beiden kurzfristig eingesprungenen Ryan McKinny als Kurwenal und der in seiner Schmächtigkeit stupend sonore Liang Li als König Marke.

Durchschlagskraft der Sänger ist durchaus nötig, weil das Orchester der Deutschen Oper unter Donald Runnicles die Singstimmen nicht erst am Schluss im wogenden Schwall und tönenden Schall versinken lässt, sondern zumal im 3. Aufzug präzise, doch sehr kräftig zur Sache geht. Ansonsten spielt das Orchester klangschön und sängerdienlich zugleich, in der für Runnicles typischen Sachlichkeit, die vielleicht nicht den höchsten Mischklangzauber erreicht, aber Gelingen garantiert. In die ersten beiden Einsätze des Vorspiels wird, in fast schon bewundernswürdigem Timing, reingehustet. Besonders kraftvoll und leidensdumpf gelingt dem Orchester das Vorspiel zum 3. Aufzug. Am Englischhorn überzeugt Chloe Payot.

Am 18.6. noch einmal. Wer nicht unbedingt das Schlagerspiel Island vs Ungarn sehen muss, kann da Matti Salminens Bühnenabschied beiwohnen.

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12.6.2016 – Sterbend: „Tristan und Isolde“ an der Deutschen Oper

2 Gedanken zu “12.6.2016 – Sterbend: „Tristan und Isolde“ an der Deutschen Oper

  1. Uwe Mohrmann schreibt:

    schön, das es Ihnen so gut gefallen hat, werde es mir aber trotzdem nicht antun, und wie schon mal geschrieben, mein Bedarf an über 70 jährigen in solch Partien ist gedeckt. War je wieder ein sehr sachkundiges Publikum :-((

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