10.6.2016 – Vieleins: Julia Fischer und Igor Levit spielen Beethovens letzte Violinsonaten

Gebeugt wie der alte Horowitz (doch nicht von Wissen beschwert, sondern von Gram und Scham) begibt sich der Konzertgänger abends in den Kammermusiksaal, denn seine Frau hat ihn beim mittäglichen Musizierversuch ermahnt, er solle mehr wie Igor Levit spielen. Marcel_Duchamp,_1911,_La_sonate_(Sonata),_oil_on_canvas,_145.1_x_113.3_cm,_Philadelphia_Museum_of_ArtNämlicher vollendet gemeinsam mit Julia Fischer einen Zyklus von Beethovens Sonaten für Pianoforte und Violine (sic, in dieser Reihenfolge) mit den Nummern 9 und 10.

In das betörend simple Vier-Ton-Motiv, mit dem Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 10 G-Dur op. 96 beginnt, zittert Julia Fischer sich so zart und zögernd, dass Yehudi Menuhin im Vergleich wie ein Bürstenschrubber klingt; Igor Levit antwortet so fragend, dass Wilhelm Kempff dagegen wie ein Haudrauf tönt. Als würde die Musik in eben diesem Augenblick erfunden.

Einer von tausend entzückenden Momenten in dieser allerschönsten, maximal entschlackten letzten Violinsonate von 1812 ist die gedämpfte Tremolo-Passage kurz vor Schluss des Kopfsatzes. Die Melodie des Adagio espressivo spielt Levit mit einer derart strahlenden Konzentration, dass ein Hauch von Arietta-Seligkeit aufkommt; und wie viele Farben ein einziger langer Ton auf Fischers Geige haben kann, darüber kann man nur staunen. (Der Konzertgänger memoriert dies als Retourkutsche an seine Frau.) Die Variationen im Finale, von bizarrer Schrammelmusik bis zu entrückten Feenklängen, tönen wie aus anderen Sphären.

Zuvor gab es Nr. 9 A-Dur op. 47, die herrliche Kreutzersonate (über die bekanntlich ein scheußliches Buch geschrieben wurde, über das ein herrliches Streichquartett geschrieben wurde, über das der Konzertgänger vielleicht irgendwann ein scheußliches Buch schreiben wird). Fischer und Levit dehnen den Beginn und so manchen Übergang bis dicht vors Zerreißen. Intensiv, glutvoll und penibel genau; auch wenn der alte Sitznachbar des Konzertgängers bemerkt, seine Erinnerung an David Oistrach habe die Aufführung nicht ausgelöscht.

Fantastisch unausgewogen tönt der Bösendorfer, wie ein dutzend Instrumente oder, da Levit spielt, wie zwei dutzend: von der Kinoorgel bis zum Toy Piano, mit integriertem Glockenspiel und Schlagzeug. Im Bass geht richtig die Post ab. Fantastisch ausgewogen klingt dagegen Julia Fischer (spielt sie eine Guadagnini oder eine Augustin?), umwerfend, wie sie Töne an- und abschwellen lässt, fahle werden fahl leuchtend, leuchtende fett, fette zerbrechlich. Trotzdem oder gerade deshalb verbindet sich das Musizieren von Fischer und Levit so intensiv: hellhörig und dialogisch, wie man es sich nur wünschen kann.

Schade, dass Beethoven nicht 32 Violinsonaten geschrieben hat.

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