30.4.2016 – Wachküssend: Agostino Steffanis „Amor vien dal Destino“ in der Staatsoper

Der Konzertgänger kennt nicht nur Feiertage wie Weihnachten und Ostern, sondern auch jährlich wiederkehrende Festtermine wie das epiphanische Klavierrezital von Grigory Sokolov oder die rituelle Barockopern-Auferstehung, die René Jacobs mit der Akademie für Alte Musik in der Staatsoper feiert. Dieses Jahr hat Jacobs den verzwickten Aeneas-Reigen Amor vien dal Destino ausgegraben, den der Komponist, Diplomat und Bischof Agostino Steffani 1709 zum Düsseldorfer Karneval komponierte.

Eine historisch vergleichende Gegenüberstellung mag den auch für den interessierten Laien hörbaren musikästhetischen Wandel des Düsseldorfer Karnevals verdeutlichen:

Fasching in Düsseldorf anno 2011:

Fasching in Düsseldorf anno 1709:

Schon dem Lamento der Venus (Robin Johannsen, überragend) entströmt mehr Schönheit als so manchem langen spätromantischen Abend in der Philharmonie. Der Zuhörer, der im Lauf der ca. 240minütigen Oper nicht das eine oder andere Viertelstündchen verschlummert, muss zwar erst geboren werden. Denn das Libretto ist ziellos wie der Wind, den die Latinerprinzessin Lavinia (Katarina Bradić) besingt. Oder die Schilfrohre und Liebespfeile, die der stumme Amor (Konstantin Bühler, passenderweise vom Düsseldorfer Schauspielhaus) pflanzt und verschießt.

Doch der ziellose Wind steht koloraturgünstig! Wann auch immer man aufwacht, wird das Ohr von erlesener Schönheit geküsst: Acht Sänger übertreffen sich selbst, neben den erwähnten Sopranistinnen Bradić und  Johannsen Jeremy Ovenden mit kernigem, festen Tenor als Enea (Aeneas), die kunstvoll leidende und rasende Olivia Vermeulen in Hosenrolle als angeschmierter König der Rutuler, Marcos Fink als König Latino sowie die umwerfend komischen Mark Milhofer (in einer Rockrolle als Amme) und Gyula Orendt. Last but not least die skurrile Erscheinung eines zarten, fast ätherischen Countertenor-Zeus (Rupert Enticknap). Ein traumhaft ausgeglichenes Sängerensemble.

Die Akademie für Alte Musik ist so prächtig aufgelegt, dass man bereit wäre, sich ein ganzes Konzert allein der Continuogruppe anzuhören. B.C. pur. Vielleicht nicht vier Stunden, aber ein bis zwei gern. Aber da sind ja auch der Rest des Orchesters und die Solisten, die in buntem Wechsel Steffanis überreich inspirierte Arien begleiten, Violine (Bernhard Forck),Cello (Jan Freiheit), Oboe (Xenia Löffler), Laute (Shizuko Noiri) und viele mehr – auch vier Chalumeaux, Großmütter der Klarinetten. (Und René Jacobs‘ stundenlanges sachliches Armkreisen und schnörkelloses Einsatzgeben ist eine Wohltat, wenn einem noch der philharmonische Ausdruckstanz von Andris Nelsons auf dem Gemüt liegt.)

Komisch und wunderschön das alles, aber nicht harmlos. Die dunkle Seite der Liebe offenbart sich zumal in der zweiten Hälfte der Aufführung, eindrucksvoll ins Bild gesetzt durch die Regie von Ingo Kerkhof: Wenn etwa ein verzweifelt Liebender brutal über Amor herfällt, diesen Tyrann und Kretin, steht einem die Perücke zu Berge. Das Schilf, anfangs nur in einzelnen Halmen in den Boden gespießt, bedeckt nun dicht die ganze hintere Bühne, dahinter ist Nacht, merkwürdig statuarische Menschen erscheinen darin und verschwinden: eine unheilvolle Melange aus Jenufa-Feldern und Peter Greenaways Kontrakt des Zeichners, der nicht nur die steilen Perücken und Kostüme (Stephan von Wedel) inspiriert hat.

Am besten gleich nochmal hin (4. und 7. Mai), um auch das zu hören, was man verschlummert hat. Und das andere nochmal.

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30.4.2016 – Wachküssend: Agostino Steffanis „Amor vien dal Destino“ in der Staatsoper

5 Gedanken zu “30.4.2016 – Wachküssend: Agostino Steffanis „Amor vien dal Destino“ in der Staatsoper

    1. Wahrscheinlich nicht bei den eigenen.
      Ja, Brahms schlief schon 1853 als junger Mann 1853 ein, als Liszt seine revolutionäre h-Moll-Sonate vorspielte. Was Liszt gar nicht lustig gefunden haben soll.

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      1. Uwe Mohrmann schreibt:

        Kann ich verstehen, was Sie wahrscheinlich auch nicht lustig finden würden, wenn jemand bei Ihren Kritiker entschlummern würde, wo natürlich auch kein Grund besteht, genauso, wie bei Liszt 🙂

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  1. Uwe Mohrmann schreibt:

    Tststs, verschlummert??? Ich glaube, ich würde dabei tief und fest schlafen, diese Art Musik mag zwar für Kenner und Fans genial sein, meine Welt ist die absolut nicht. Der Seitenhieb auf Nelsons musste ja kommen 🙂 Im Übrigen habe ich den Dudamel noch vergessen, der kanns auch sehr „gut“. Hat ja in Wien gerade auch mit der Turandot mit sehr flauen Kritiken zu kämpfen

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    1. Als Freund des Kunstgesangs verpassen Sie aber das Beste, wenn Sie sich der Barockoper gänzlich enthalten!
      Es waren auch beileibe nicht nur Kenner und Fans da. Man muss halt bereit sein, Abstriche bei dem zu machen, was man so unter dramatischer Stringenz versteht. Wobei die Inszenierung und nicht unerheblichen Striche (trotz der immer noch gehörigen Länge) da helfen.

      Was das Schlafen im Konzert angeht, muss da auch mal eine Apologie geschrieben werden. Man kann schlafen und trotzdem genießen. Brahms war ein großer Konzertschläfer.

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