13.4.2016 – Strömend: Ruzicka, Beethoven und Enescu beim DSO

 

Wettstreit der Berliner Orchester in der Challenge Deutschland sucht die Super-Rarität: Nachdem das Konzerthausorchester am Wochenende mit Mieczysław Weinbergs selten gespielter 5. Sinfonie vorgelegt hat, steht beim Deutschen Symphonie-Orchester unter Peter Ruzicka in der nicht eben überfüllten Philharmonie die Fünfte von George Enescu auf dem Programm: ein unvollendetes Werk von 1941, dessen Particell der rumänische Musikwissenschaftler Pascal Bentoiu orchestriert hat und das in dieser Form erstmals 1996 in Bukarest aufgeführt wurde.

Enescus Symphonie Nr. 5 D-Dur für Tenor, Frauenchor und Orchester beginnt als breiter, wunderbar melodischer Strom, der schon ewig andauern und ewig weiterfließen könnte. Der interessierte Konzertgänger weiß mittlerweile, dass der Nebenspuren der Moderne (Ruzicka) viele sind, aber Enescus Stück ist sowas von D-Dur, dass man zunächst darin zu ertrinken fürchtet. Aber es ist ein glückliches Ertrinken in einem bald abschwellenden, bald aufwogenden Strom von Schönheit, ein langer Gesang, der in dunkle Regionen führt, an den Rand des Verschwindens in die unendliche Nacht. Schließlich nimmt das Bedrohliche überhand, dräuende Posaunen, Trompeten, Tuba, Tamtam; bis Celli und Hörner den Hörer wärmen und die Celesta ihn zu den Sternen entrückt. Völlig organisch wirkt es, dass im trauermarschigen Finale dann dem Tenor Marius Vlad (der in Rumänien das italienische Fach rauf und runter singt, auch mal Lohengrin oder Tannhäuser einschiebt, überdies Generalmanager der Rumänischen Nationaloper Cluj ist) friedlich-schmerzvolle Todessehnsucht entströmt: Doar moartea glas să dea frunzişului veşted, und über mich die Linde wird ihre Blüten breiten.  Die weibliche Hälfte des RIAS Kammerchors macht dazu mystische Aahs, sicher schon 1941 ein abgelutschtes Mittel, aber die femininen Vokalisen tragen die herbe Stimme sehr schön. Auf dem Gipfel der Traurigkeit beginnt die Tenorstimme zu sprechen: als triebe die Welt davon. Man strömt danach hinaus in die Nacht.

Ein umwerfendes, nein: umhüllendes Plädoyer für George Enescu, mit dem man zwar offensichtlich die Philharmonie nur schwer füllt; aber diese Musik würde auch vor leerem Saal lohnen. Wenngleich ein voller Saal natürlich schöner wäre. Und verdient, bei solchem Orchesterglanz, für den Enescu und das glanzvoll spielende DSO gleichermaßen zu loben sind.

Vor der Enescu-Symphonie gab es zwei strömende Hörerlebnisse anderer Art: Peter Ruzicka ist nicht nur Dirigent und Intendant, sondern komponiert vor allem, wie zuletzt beim Ultraschall-Festival zu hören. ‚R.W.‘ – Übermalung für Orchester von 2012 beginnt mit einem Wachmacherakkord und spinnt sich in luxuriösen Klängen fort, bald sirrend, bald knallend, aber immer angenehm zu hören. Man freut sich auch über die kaum übermalten, sondern recht unverhüllten Parsifalzitate. Der Konzertgänger fragt sich aber, ob 1) man die absteigenden Glockenquarten, die einem schon nach jedem Parsifal (jaja, großartig) zu den Ohren rauskommen, auch noch von einer Flöte hören muss, und 2) ob es eine gute Idee ist, die kargen, reduzierten Klänge des späten Liszt (auf dessen Am Grabe Richard Wagners Ruzicka sich bezieht) derart zu entkargen und dereduzieren. Im Publikum murmelt es nach dem Stück aber ringsum: Schön… ja, wirklich schön…

In Beethovens 4. Klavierkonzert G-Dur scheint der Dirigent Ruzicka an seine Grenzen zu stoßen, der Orchesterklang ist (bei aller Klangschönheit, die das DSO immer hat) recht breit, mitunter etwas unausgewogen und nicht immer präzise im Zusammenspiel mit dem Solisten. Der allerdings klingt hervorragend: Herbert Schuch (gebürtiger Banater Schwabe, was das Konzert eigenartig abrundet) ist ein Pianist der leisen, aber sehr deutlichen Töne, dem das langsame Tempo entgegenkommt. Das eröffnende piano dolce könnte man sich sinnierender nicht wünschen. Im Andante wird die Breite des Orchesters zur Tugend, aus dem Gegensatz zwischen einstimmigen Streichern und beschwörend gläsernem Klavierton entsteht größtmögliche Spannung. Spätestens die Zugabe, die Sarabande aus Bachs 3. Englischer Suite, von Schuch versunken, ja andächtig gespielt und mit ihren fast gotischen Bizarrerien faszinierend fremdartig, weckt den Wunsch, diesen interessanten Pianisten mit einem Solorezital zu erleben. Da muss der Berliner einmal Braunschweig und Gauting an der Würm beneiden.

Nachtrag: Aber nur bis zum 29. April 2017, dann gibt Schuch einen Klavierabend im Konzerthaus Berlin.

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