7. Mai 2015 – Abenteuerlich: Yevgeny Sudbin spielt Haydn, Beethoven, Rachmaninow und Skrjabin beim Klavierfestival

Man hofft, mit heiler Haut aus diesem Konzert herauszukommen, angesichts dessen, was Yevgeny Sudbin im Programmheft dem Skrjabinhörer prophezeit: eine Infektion mit Gift, Visionen von Feuerblitzen und goldenen Schiffen, schließlich eine Feier des Faulen und Verdorbenen, die im Erscheinen des Teufels gipfeln wird. Und nicht zuletzt sexuelle Stimulation beim Skrjabin-Interpreten!

Man fragt sich, ob das Konzert kinderfrei sein wird; im Publikum sind nämlich jede Menge russische Wunderkinder mit weißen Blusen, dicken Brillen und Blumensträußen für den Featured imagePianisten, der selbst noch wie ein halbes Wunderkind wirkt (obwohl er schon 35 ist). Der Konzertgänger fühlt sich wie in sowjetischen Konservatoriumsgefilden. Auf jeden Fall hat Sudbin ein größeres Star-Potenzial als Melnikov, der vor 3 Tagen das Klavierfestival (hervorragend) eröffnet hat, Sudbin wirkt marottiger und spielt extremer. Aber er ist verdonnert, sein lebensbedrohliches Programm am selben Yamaha-Flügel zu spielen wie Melnikov; allerdings ohne ipad.

Sein Programm, in dem Halluzinationen, Tod und Satan dräuen, beginnt Sudbin ausgerechnet mit… Joseph Haydn. Die Sonate h-Moll Hob. XVI:32 spielt er gespreizt, fast überdeutlich, mit einem einzigen, sehr beeindruckenden Pedalrausch vor der Reprise im ersten Satz; im zweiten bis zu extremer Künstlichkeit gesteigerte Kontraste, das Menuett fast gläsern, das Trio wuchtig und bassbetont; im Presto-Finale springen dann Tonrepetitionen ins Ohr, die Sudbin mit den Tonrepetitionen in Skrjabins Schwarzer Messe in Verbindung bringt, eine reizvolle Assoziation, aber doch ziemlich abenteuerlich und wohl auch irreführend. Man könnte auch an Scarlatti denken; allerdings nicht so, wie Sudbin es spielt. Der Konzertgänger hat den Eindruck, Sudbin prügelt aus Haydn mehr und anderes raus, als drinsteckt. Aber aufregend klingt es allemal.

Auch in Beethovens Bagatellen op. 126 lässt Sudbin alle Stücke direkt ineinander übergehen. Die wundersame Beschleunigung in der 1. Bagatelle G-Dur spielt er so rubatös, dass sie für den Konzertgänger von ihrer Wirkung verliert. Sudbin hat einen herrlichen Anschlag, in der 3. wie auch am transzendierenden Schluss der 4. Bagatelle wünscht man sich aber doch ein nuancenreicher singendes, weniger ausgewogenes Klavier. In der letzten Bagatelle spielt Sudbin den Presto-Rahmen so extremst wie nur möglich, aber der jenseitige Andante-Mittelteil klingt doch etwas flach, farblos, auch zu laut. Exaltiert auch im Leisen, das wäre hier schön.

Dann rauscht Rachmaninow, drei Préludes, die den Yamaha besser vertragen. Schlechtere Musik als Beethoven, aber ein schwelgerischer Genuss. Gerade als man sich im wohligen Duften und Dröhnen zurückgelehnt hat, sticht einen Alexander Skrjabin wieder auf: mit einer zauberhaft schwebenden, kurzen Mazurka, hier als kleines Vorspiel zur Sonate Nr. 5, die mit einem gewaltigen Donnern und dann ganz zarten Tröpfchen beginnt. Den Konzertgänger befallen keine grellen Visionen, aber er verliert den harmonischen Halt unter den Füßen, das herrliche Blitzen dieser ungeheuer abwechslungsreichen Musik, ihr Funkeln, Flirren, Zucken, auch Grooven reißt ihn mit. Diese Sonate ist ein Abenteuer! In das man sich begeben kann, auch ohne Skrjabins durchgeknallte Esoterik mitzukaufen.

Sudbin muss die Tasten trockenwischen, bevor er sich an die Sonate Nr. 9 wagt, das als Schwarze Messe verschriene Meisterstück, das auch Melnikov gespielt hat. Sudbin geht den Anfang weniger neblig und ziemlich a tempo an. Bei ihm ist das Stück viel stärker aus einem (schwarzen) Guss, ein einziges, fast tänzerisches Geschehen. Die semantische Überladung mit Satanistengeplapper, an der Sudbin sich im Programmheft, nicht aber am Klavier beteiligt, kann man beiseite wischen: Das ist sehr schöne (sic), sehr freie Musik – ein Abenteuer.

Alle überleben es, auch die Wunderkinder. Jede Menge Blumensträuße für Sudbin, eine ältere Dame lässt seine Hände nicht mehr los und schleckt sie fast ab. Ob sie das von der „sexuellen Stimulation“ gelesen hat? Aber Sudbin entzieht ihr energisch die Hände. An Gift und Tod denkt jetzt keiner mehr; fast ein bisschen schade, man lebt noch, Sudbin hat zu viel versprochen. Trotzdem ein ungewöhnlicher Pianist, mal sehen, wie er sich noch entwickelt.

Zum Konzert

Yevgeny Sudbin

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7. Mai 2015 – Abenteuerlich: Yevgeny Sudbin spielt Haydn, Beethoven, Rachmaninow und Skrjabin beim Klavierfestival

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