5. Mai 2015 – Europäisch: Le Concert des Nations mit Jordi Savall im Kammermusiksaal

Alte Musik irritiert den Konzertgänger manchmal stärker als der krasseste avantgardistische Schocker. Das ist auch Dienstagabend im Kammermusiksaal der Fall, der rappelvoll ist, denn Jordi Savall ist ein Star. Obwohl er das Gegenteil eines Stars ist, sehr still und nachdenklich, im persönlichen Auftreten und in der Art, wie er mit seinem Ensemble Musik aufführt: verstörend leise. Darum drehen sich einige Pausengespräche, die unvoreingenommene oder unbedarfte Zuhörer führen: Sitzt man zu hoch, zu weit weg? Auf CD klingt die Gambe lauter, dieses sanfte Instrument, dessen noblen Klang die Musikgeschichte vor 250 Jahren töricht weggeschmissen hat. Man fürchtet, Strauss‘ schwülstige Daphne, die nebenan im Großen Saal aufgeführt wird, könnte herüberfluten und diese fragil wirkenden alten Klänge unter sich begraben.

Nun wäre das, was in Berlin Kammermusiksaal heißt, in fast jeder anderen Stadt der Große Saal. Aber die leisen Töne sind auch Programm. Das Ensemble Le Concert des Nations besteht heute Abend aus neun Herren (und keiner Dame), denen alles Exaltierte und Extrovertierte abgeht: fokussierte Nerds, freundliche Rübezahle (der Trommler Pedro Estevan mit langem weißen Bart) und sanfte Studienräte, wie Savall einer ist – ein höchst zurückhaltender Leiter, der nur die Einsätze gibt oder kurz mit dem Gambenbogen den Takt schlägt. Ihm und den Seinen ist all das Kantige und demonstrativ Zackige wesensfremd, das einige andere Alte-Musik-Ensembles kultivieren. Das wirkt manchmal betulich, ist aber vor allem hochkonzentriert. Und steckt an, nach einer Weile selbst die beiden notorisch tuschelnden, allerdings sehr hübschen Spanierinnen neben dem Konzertgänger.

Nach Berlin haben die neun Herren ein Programm mit drei Greatest Hits der Alten Musik und drei Unbekannten mitgebracht. Das Konzert wird zu einer musikalischen Zeitreise quer durch ein Europa, in dem vielleicht ab und an Kriege geführt wurden, das sich aber auch kulturell und klanglich ausgetauscht, auseinandergesetzt und befruchtet hat, dass die heutigen Mecker-Europäer sich schämen sollten. Zu den Evergreens gehören die Suite aus Le Bourgeois gentilhomme (1670) von Jean-Baptiste Lully, dem aus Italien stammenden Sonnenkönig der französischen Musik. – Henry Purcells The Fairy Queen (1692) ist eine faszinierende Mischung aus Shakespeare-Atmosphäre, seltsamen englischen Tänzen und imitierten französischen Formen. Der Monkey’s Dance mit den affektierten spitzen Schreien der Geigen lässt den Hörern Ohr und Tanzbein zucken. Die Chaconne Dance for the Chinese Man and Woman beginnt mit einer tastenden, zerbrechlichen Schönheit, die fast an Anton Weberns Passacaglia erinnert: Gitarre und Gambe definieren einen hauchdünnen harmonischen Untergrund, auf den sich die beiden famosen Geigen (Manfredo Kraemer und David Plantier) wagen, damit die Musik zum großartigen Schlusstanz anschwellen kann.

Der dritte Knaller sind Auszüge aus Rameaus Les Indes galantes (1735) und Les Boréades (1763, UA erst 1975). Was für ein Unterschied zum ekstatischen Rameau, den Teodor Currentzis und MusicAeterna vor einigen Wochen im Radialsystem aufgeführt haben, mitreißend bis hin zur peinlichen Nötigung der Hörer zum Mittanzen. Hier bleibt Rameau geradezu ätherisch fern; was Currentzis uns mit großer Besetzung in die Ohren peitscht, lassen Savalls Herren wie aus einer anderen Welt leise zu uns herüberklingen. Im Contredanse geht zwar die Post ab, aber es wird nie lärmend. Auf vornehme Weise überwältigend.

Noch faszinierender als diese bekannten Werke sind die Entdeckungen des Abends: Johann Rosenmüller war Kapellmeister in Wolfenbüttel und wird auf seinem Grabe gerühmt, er habe nach 30-jährigem Studium der Italiener deren Anleihen in Deutschland den Kunstfreunden […] als Kapellmeister zurückerstattet. Mit seinen heftigen Tempokontrasten klingt Rosenmüllers originelle, kleinteilige Sonata Nr. IX D-Dur (1682) dynamisch und italienisch, im Gegensatz zur schlechthin französischen Musik des geborenen Florentiners Lulli/Lully. – In der Escala diatónico-chromático-enarmónica (1751) des Spaniers Antonio Rodríguez de Hita, von dem der Konzertgänger noch nie gehört hat, gibt es trotz des umwerfend spröden Titels himmlische Melodien, wie im Despacio cantable.

Eine Entdeckung ist schließlich auch La Musica Notturna delle strade di Madrid (1780) des aus Lucca stammenden Wahl-Spaniers Luigi Boccherini, der natürlich kein Unbekannter ist, dennoch aus unverständlichen Gründen fast nie gespielt wird. Seine nächtliche Madrid-Musik gibt es zwar in konventionellerer Form in mehreren Quintettbesetzungen, aber in der hier gespielten Form muss man es als Sensation bezeichnen. Boccherini selbst hatte den Druck verboten: Außerhalb Spaniens ist das Stück völlig sinnlos und sogar lächerlich. Die Zuhörer würden nie seine Bedeutung verstehen, und die Ausführenden wären nicht in der Lage, es so zu spielen wie sich’s gehört. Eine exzentrische, feinnervige, witzige, mysteriöse, kompromisslose und (ja!) moderne Sammlung von Klängen der nächtlichen Straßen von Madrid: das Läuten der Glocken; das Menuett der blinden Bettler con mala grazia, bei dem Celli und Kontrabass ihre Instrumente als Gitarren spielen; das abendliche Rosenkranz in freiem Metrum, zerfetzte Klänge wie später Beethoven, aber paradoxerweise (da es doch ein Gebet ist) völlig diesseits; schließlich als bekanntester Satz die Ritirata, das Vorüberziehen der Nachtwache. Luciano Berio hat dieses Auftauchen, gewaltige Anschwellen und Verschwinden in den 1970er Jahren für großes Orchester aufgeblasen, was ebenfalls großartig klingt, das Rundfunk-Sinfonieorchester hat es vor einigen Monaten gespielt. Man würde Boccherini auch gerne mal neben der Musik von Charles Ives hören, in der mehrere Kapellen gleichzeitig vorbeidefilieren, die Klänge der Straßen und Parks sich überlagern.

Begeisterter Jubel für Boccherini und die stillen neun Herren auf dem Podium, deren einer der bescheidene Jordi Savall ist.

Featured imageAuf dem nächtlichen Heimweg klappert das Hollandrad, das der Konzertgänger von seiner Frau geliehen hat; an der bestreikten S-Bahn-Trasse singt die Nachtigall, wie sie schon vor hunderten Jahren gesungen hat; und der Flieder duftet, wie er vor hunderten Jahren im nächtlichen Madrid geduftet hat. Durch das Fenster einer Kneipe sieht der Konzertgänger einen Fernseher, Real Madrid verliert heute Abend sein Halbfinal-Hinspiel. In Italien.

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Le Concert des Nations

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