4. Mai 2015 – Klavierfestival (1): Alexander Melnikov spielt Skrjabin und Debussy

Für Pianisten wie Alexander Melnikov gibt es das grandiose, geradezu verrückt seriöse Klavierfestival Berlin, das der Enthusiast Barnaby Weiler nun schon zum vierten Mal im Kleinen Saal des Konzerthauses veranstaltet: Melnikov ist kein Star, obwohl für jeden hörbar ein herausragender Pianist. In Berlin ist er häufig zu hören, aber nie als Solist, sondern immer mit gleichrangigen, jedoch ungleich berühmteren Partnern wie Isabelle Faust oder dem Freiburger Barockorchester. Sein Repertoire ist breit, er spielt vierhändig mit Andreas Staier oder im Wechsel an Klavier und Cembalo, Schumann auf dem historischen Hammerklavier, Schostakowitsch mit dem Mahler Chamber Orchestra unter dem sinistren Shooting-Star Teodor Currentzis. Debussys Préludes bezeichnet er als „die höchste Errungenschaft der Klaviermusik“; deren zweiten Band spielt er heute Abend im Konzerthaus am Yamaha-Flügel, die Noten auf dem ipad. Wenn er sich verbeugt, hält er die Hände gemütvoll über dem Bauch gefaltet, als wäre er der Enkel von Radu Lupu. Nichts Äußerliches deutet auf Melnikovs atemberaubende Virtuosität hin; um die es ihm auch niemals geht. Als zweite Zugabe kündigt er etwas Längeres an, brabbelt etwas schwer Verständliches der Art, das Konzert sei wohl zu kurz gewesen. Nichts deutet auf das Tastengewitter hin, das gleich folgen wird.

Was fast ein bisschen schade ist, denn es spült geradezu den doppelten Klangrausch fort, in dem die beiden perfekt austarierten Programmhälften zuvor kulminiert sind: zuletzt die Feux d’artifice von Debussy, zuvor die sogenannte Schwarze Messe als letzte von drei sehr unterschiedlichen Skrjabin-Sonaten. Das Klavierfestival ist dieses Jahr zugleich eine Art Skrjabin-Festival; für den Konzertgänger eine spannende Gelegenheit, diesen ihm wenig bekannten Komponisten zu entdecken, den manche Klavierfreaks vergöttern, andere verachten.

Skrjabins Sonate Nr. 2 in gis-Moll (1897) ist kurz, eine Fantasie, irgendwas zwischen Ohrenschmaus und Ohrenschmalz, die Klangschilderung einer kaum bedrohlichen südlichen Meereslandschaft, süßlich, voller Arabesken, sehr tonal, jedenfalls noch meilenweit entfernt vom berühmt-berüchtigten mystischen Akkord. Die folgende Sonate Nr. 3 in fis-Moll (1898) ist ein anderes Kaliber, immer noch etwas Glasunow‘scher Salonklang, aber aggressiv ins hundertmal Größere drängend, ein dynamisches Seelendrama, das mit auftaktigen Sprüngen der Linken (wie ein verwundetes Tier) beginnt; dieses manische Springen wiederholt sich x-fach und kehrt zum Finale wieder, in dem alles explodiert, triumphiert, dann aber brutal abreißt. Ein selten abrupter Schluss.

Der Höhepunkt ist dann die berühmt-berüchtigte Sonate Nr. 9, die keine Tonart mehr hat, dafür den leicht idiotischen Beinamen Schwarze Messe, der nicht von Skrjabin stammt (der allerdings seine Siebte Weiße Messe nannte). Diese 9. Sonate gehört auch für den Konzertgänger zum Beeindruckendsten, was das Klavier zu bieten hat: ein beängstigendes Klangerlebnis, vom ganz schwarz gekleideten Melnikov beängstigend perfekt gespielt: wie es zu Beginn unheimlich und diffus rauscht, nur wenige Töne; wie später das zweite, „gute“ Thema durchsetzt, zernagt, bepocht, zerhämmert und schließlich von einem gewaltigen Klanginferno verschlungen wird; wie zum Schluss der behaglich böse Nebel des Anfangs wiederkehrt… alles in weniger als 10 Minuten.

Der Nachbar des Konzertgängers, ein weißbärtiger Herr, sagt in der Pause, dass er die späten Sachen von Skrjabin schöner (!) findet als die frühen. Der Konzertgänger hat Nasenbluten.

Danach Debussys Préludes (Band II) zu hören, ist wie eine Rückkehr ins Licht des Lebens, auch wenn diese Musik ebenfalls aus dem Nebel entsteht (Brouillards) und einige schummrige Stücke darunter sind: ein visionärer Weltblick ohne apokalyptische Kämpfe, ein Spaziergang durch das Leben als Wunderkammer. Die Welt ist künstlich. Bei Debussy kann ein großes Klanggemälde aus einer Postkarte mit Alhambra-Tor entstehen, die ihm Manuel de Falla geschrieben hat (La Puerta del Vino). Melnikov spielt diese Musik ganz klar, lässt die immer neuen Klangmischungen lang aushallen, wunderschön. Selbst Wirbeln und Grollen aus der Tiefe wie im Wasserstück Ondine ist dämonisch auf eine paradox helle Weise. Der abstrakte Ragtime in Général Lavine – eccentric; das Pickwick-Stück mit verschrobenem God save the King und voller bizarrer Kontraste; Canope mit einer Art Todeschoral, der sich ins Flüchtige und Luftige auslöst; die wahnwitzige Etüde Les tierces alternées; schließlich die Feux d’artifice, mit denen der Wunderkammerspaziergang in einen nächtlichen Klangrausch münden, wie er nicht weiter von Skrjabnis Klangrausch entfernt sein könnte: Man glaubt Melnikov, dass die Préludes das Werk eines Genies sind.

Auf der nächtlichen Heimfahrt durch den Tiergarten klingt der Fliederduft nach Debussy, aber irgendwo im Dunkeln murmelt auch das Böse, lauernd, mit Skrjabins Astralseele zu ringen.

Weitere Konzerte des Klavierfestivals: Yevgeny Sudbin am 7.5. (ebenfalls mit Skrjabins 9. Sonate), Konstantin Lifschitz und Yuri Paterson-Olenich am 9.5., Marc-André Hamelin am 11.5., Louis Lortie am 12.5.

Für alle Konzerte gibt es (noch) Karten!

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4. Mai 2015 – Klavierfestival (1): Alexander Melnikov spielt Skrjabin und Debussy

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