2. Mai 2015 – Assoziativ: Berlioz‘ „Roméo und Juliette“ in der Deutschen Oper

Sasha Waltz ist keine Opernregisseurin, aber Hector Berlioz‘ Roméo und Juliette ist ja auch keine Oper, sondern eine Mischung aus Nacherzählung, Reflexion und Fragmenten, offiziell Symphonie dramatique avec chœurs: ein Ausbund überschäumender Shakespeare-Begeisterung, aber skurrilerweise ohne ein einziges Wort von Shakespeare; den Text hat Berlioz geschrieben und von einem gewissen Émile Deschamps versifizieren lassen. Aber in den Schlüsselszenen im Garten und in der Gruft wird ohnehin nicht gesungen, weil jedes Wort dafür zu niedrig und zu weltlich wäre, offenbar auch jedes Wort des vergöttlichten Shakespeare. Alles sehr seltsam, sehr kitschig, aber herrliche Musik.

Das Ganze passt auch in einen Konzertsaal nicht richtig (aber es wird ständig gespielt, in den letzten Monaten von Janowski, Sokhiev und Rattle mit ihren jeweiligen Orchestern). Mit einem solchen Hybridwesen kann man frei umgehen, ohne gewaltsam zu werden. Gewaltsam ist bei Sasha Waltz nichts, alles fließt; nicht immer begreift der Konzertgänger das enthusiastische Hopsen der Waltz-Tänzer, aber es sieht immer wunderschön aus. Das ist natürlich ein Gewinn!

Trotzdem verliert Roméo und Juliette in einigen Szenen gegenüber dem Konzertsaal. Zum einen deshalb, weil die herrlich strömende Musik einfach dumpfer und nach eindimensionaler Theatermusik klingt, wenn sie aus dem Orchestergraben statt vom Podium kommt. Egal wie gut das Orchester unter Donald Runnicles spielt! Die Harfen etwa im betörenden Premiers transports que nul n’oublie und Heureux enfants aux cœurs de flamme klingen auf einmal bedauerlich matt. Umso voller klingt allerdings die Mezzosopranistin Ronnita Miller, ein monumentalbusiges Wunderwesen, von der Schnappschüsse nur einen unvollkommenen Eindruck geben können und das den Konzertgänger in Träumen versinken lässt; mit einer solche Frau, die nur herumsteht und singt, können all die herumspringenden gertenschlanken Waltz-Wesen nicht mithalten.

Zum anderen deshalb, weil die gezeigten Bilder oft an die vorgestellten Bilder nicht herankommen; da hatte Berlioz mit seinen Bedenken ganz Recht! Das schönste Stück, der rein instrumentale dritte Satz Scène d’amour (die Balkonszene), zerfasert auf der Bühne, weil Berlioz‘ atmosphärische Nachtmusik sich gegen das assoziative Nachspulen von Handlung sträubt. Einen Tiefpunkt erreicht die Inszenierung, als Romeo und Julia sich am Höhepunkt der Musik ein Pennälerküsschen auf die Lippen drücken. Für die Anti-Klimax, die das laute Schnarchen einer eingeschlafenen Zuschauerin zuvor bewirkt hat, können die Beteiligten allerdings nichts.

In der dramatischeren Grabesszene funktioniert das Waltz-Konzept besser als in den lyrischen und reflektierenden Passagen. Sie ist nun wirklich ergreifend inszeniert; mit den schwarzen Steinen, unter denen die scheintote Julia begraben wird, kommen erstmals Gegenstände außerhalb der tanzenden Körper ins Spiel.

Tänzerisch am eindrucksvollsten wirkt trotzdem die stumme (!) Szene, in der der verzweifelte Romeo minutenlang versucht, die Wand hoch zu rennen. Insgesamt hat der Konzertgänger den Eindruck eines gewissen Leerlaufs; er denkt, vielleicht sollte Sasha Waltz mal eine dieser endlos kreisenden Schumannsymphonie vertanzen lassen.

Trotz dieser Zweifel verfehlen der Romeo-und-Julia-Mythos, Berlioz‘ herrliche Musik und Waltz‘ elegante Bewegungskunst ihre Wirkung nicht. An der Deutschen Oper ist der Konzertgänger, seit Runnicles den Stab in der Hand hat, kaum je enttäuscht. Konzertgängers Sohn, der statt der verreisten Frau mitgekommen ist (und sich extra seine besten Blinkschuhe Featured imageund die gute Fußballjacke angezogen hat), kann wie viele andere seine Tränen nicht zurückhalten. Berlioz hat Shakespeare nicht kleingekriegt, Waltz kriegt Berlioz nicht klein; die Erschütterbarkeit des Menschen ist durch nichts zu erschüttern.

Roméo und Juliette in der Deutschen Oper

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