29.4.2015 – Lebensfroh: Telemanns „Emma und Eginhard“ in der Staatsoper

Vor einer unbekannten Barockoper ist, wie vor Neuer Musik, (fast) jeder Konzertgänger gleich: Er kann das Werk nicht mit 30 anderen Aufführungen und Aufnahmen vergleichen und wird nicht eingeschüchtert durch Sitznachbarn, die die harmonische Rückung des dritten Seitenthemas im langsamen Satz unprofilierter fanden als bei Klemperer oder Toscanini. Man sitzt vor dem Unbekannten, hört und staunt. Oder langweilt sich.

Der Name Telemann war lange ein Synonym gepflegter Langeweile. Dass das ein ungerechtes Urteil ist, hat sich mittlerweile auch bis zum Konzertgänger herumgesprochen. Er hat gelesen, dass René Jacobs gesagt hat, Telemann sei origineller als Händel. Er hat vor einigen Jahren mit einer finnischen Begleiterin Telemanns Der geduldige Sokrates in der Staatsoper besucht und sich prächtig amüsiert. Und er hat in seiner seriösen Opernbesuchsvorbereitung zur Kenntnis genommen, dass Telemann bereits seit über 100 Jahren offiziell rehabilitiert wird und dass es seit 2011 sogar das erste Telemann-Museum der Welt gibt, in Hamburg, gleich neben Brahms!

Wer sich bei Emma und Eginhard oder Die Last-tragende Liebe langweilt, dem ist nicht zu helfen. Das ist unmittelbar zugängliche Musik: Man muss keine barocke Affektenlehre studiert haben, um die Wellen, Orkane, Seufzer zu hören, die groovigen Fagottläufe, die Gefühlsstürze des zwischen Rache (scharfe Akzente) und Liebe (sanfte Blockflöte) hin- und hergerissenen Karls des Großen oder die vertrackten Jagdhornpirouetten, wenn die verliebte Kaisertochter Emma sich wie ein im Netz gefangenes Reh fühlt. Später singt sie die Arie Erscheine bald, du Irrstern meiner Sinnen, seit langem das Schönste, was der Konzertgänger in der Oper gehört hat.

Barockopern werden heute meistens lustiger inszeniert und peppiger musiziert als früher, das Dogma der historischen Aufführungspraxis (HAP) und die Freiheit zum Entertainment gehen Hand in Hand. Sogar bei René Jacobs, der hochseriös, aber nicht so ein Temperamentsbolzen wie andere HAPraktiker vom alten Harnoncourt bis zum jungen Currentzis ist; die Musik ist so vielfältig, abwechslungsreich und komisch, dass sie von selbst explodiert, wenn man sie kompetent spielt. Was die famose Akademie für Alte Musik tut. Die im Wechsel hervortretenden Solisten (Geige, Cello, Flöte, erwähntes Horn) übertreffen sich selbst.

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Das Telemann-Prinzip: Wo Liebe, da Spiegel.

Die Inszenierung ist nicht so unlustig, wie der Konzertgänger vorher gelesen hat, sondern völlig in Ordnung. Die Spiegelsäle würden zwar auch zum Rosenkavalier passen, aber es sieht toll aus, wenn die Bühne sich dreht (was sie die ganze Zeit tut) und das warm beleuchtete Orchester durch die großen Spiegel fließt. Ein paar kritische Betulichkeiten (Sphäre der Macht wird durch Politikerzimmer mit Fernseher thematisiert, Publikum auf der Bühne, halbherzig umsortierte Buchstaben wie LIEBE, LEIB, KARL) richten keinen Schaden an. Der Hofnarr wird zu einem kommentierenden Zuschauer, Kaiser Karl auch, eine etwas unplausible Doppelung, aber egal, es ist eine Barockoper, das Personaltableau ist also eh konfus: mehrfach gespiegelte Liebespaare, ein blutrünstiger Soldat, der vom Köpfespalten schwärmt wie ein IS-Fuzzi, ein Moralapostel, der vor den Folgen der Liebe warnt, nämlich dem Tod – ein Wort, das Telemann jedesmal in seltsamste Harmonik kleidet. Erst als Emma und Eginhard sich Liebe bis zum Tod schwören, kehrt der Tod in die Tonika zurück.

Eine herrliche, lebensbejahende Oper: Wie nah einem diese steifen hanseatischen Kaufleute kommen, die vor 300 Jahren an der Hamburger Gänsemarkt-Oper mit Emma und Eginhard geliebt, gesehnt, gelitten und das glückliche Ende bejubelt haben!

Emma und Eginhard an der Staatsoper im Schillertheater

Akademie für Alte Musik Berlin

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29.4.2015 – Lebensfroh: Telemanns „Emma und Eginhard“ in der Staatsoper

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