26.4.2015 – Katapultisch: Bach, Mendelssohn und Mozart mit Ton Koopman, Thomas Zehetmair und dem DSO

Historische Aufführungspraxis rocks: Dass die Philharmonie ausverkauft ist, wenn der kauzige niederländische Organist, Cembalist und Buxtehude-Spezialist Ton Koopman sich die Ehre gibt, kann man schon erstaunlich finden. Leider greift Koopman heute Abend nicht selbst in die Tasten (was schon rein optisch ein Erlebnis ist), sondern dirigiert drei vermeintlich weithin bekannte Evergreens. Vor allem aber springt den unvoreingenommenen Hörer nicht die stilistische Korrektheit dieses Musizierens an, sondern die geballte Power, die dieser ausgesprochen freundlich wirkende Kontrollfanatiker dem klein besetzten Orchester entlockt.

Paradoxerweise steht aber am Anfang Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 G-Dur in einer Version, die Koopman persönlich aufgebläht hat: mit einer um Hörner und Oboen erweiterten Besetzung und einem in echt bachschem Parodieverfahren neu komponierten 2. Satz (unter Verwendung einer fragmentarisch überlieferten Hochzeitskantate). Der eingesprungene Konzertmeister Sebastian Breuninger steht in diesem 2. Satz als Solist, ein schöner Zwiegesang mit der Oboe, optisch bildet er mit Koopman ein ulkig exaltiertes Pärchen. Das Stück ist mit dieser Erweiterung trotz flottester Tempi ein gutes Stück länger als in den altbackenen Aufnahmen, die der Konzertgänger zuhause im Plattenschrank hat; ein faszinierendes, aber doch auch sehr merkwürdiges Hörerlebnis. Man müsste es nochmal hören (wie oft denkt der Konzertgänger das!). Der alte Herr neben dem Konzertgänger schüttelt verärgert den Kopf, bevor er einschläft.

Mit Mendelssohns Violinkonzert e-Moll klärt sich der irritierte Eindruck in eine eindeutig erfreuliche Richtung. Dazu trägt der großartige Thomas Zehetmair mit seinem schlanken, hellen, extrem agilen Ton bei. Der schwebende Beginn ist frei von jeder romantisch gediegenen Soße; Zehetmairs Kadenz wird zu einem besonderen Höhepunkt. Der atemlose Übergang zwischen den Sätzen liegt Koopman mit seinen erstaunlich langen Armen, die pausenlos kreisen. Vielleicht fehlen etwas die Ruhepunkte, in jede Fermate kündigt sich energisch rudernd der nächste Taktschlag an. Egal; der federleichte dritte ist heute Konzertgängers Lieblingssatz, beschwingt ist gar kein Ausdruck. Koopman und Zehetmair sind eine Traumkombination und fallen sich in die Arme.

In Mozarts Symphonie Nr. 39 Es-Dur explodiert dann die Philharmonie: pure Bewegungsenergie von Anfang an. Der Einsatz der Holzbläser im 2. Satz wird zu einem richtigen Schock, obwohl nicht laut gespielt. Das Menuett klingt umwerfend: in solcher bizarr ritualisierten Bewegung ist Koopman in seinem Element. Als die Symphonie in den 4. Satz saust, auf den heute Abend alles hingelaufen zu sein scheint, ist das Dach schon von der Philharmonie geflogen, Koopmans Mozart hat uns ins Weltall katapultiert: Das ist atemlos durch die Nacht! Sogar der alte Herr neben dem Konzertgänger ist längst wieder aufgewacht und sagt, der Mozart sei grandios gewesen.

Koopmans Kunst der Verbeugung verdient eine eigene Würdigung. Der Konzertgänger träumt davon, mit über 70 Jahren noch so zackig in den rechten Winkel dienern zu können. Hierin ist Koopman das männliche Gegenstück zu Mitsuko Uchida, die die Kunst der weiblichen Verbeugung zur Vollkommenheit gebracht hat.

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26.4.2015 – Katapultisch: Bach, Mendelssohn und Mozart mit Ton Koopman, Thomas Zehetmair und dem DSO

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