24.4.2015 – Auslegungssache: Schönbergs „Moses und Aron“ in der Komischen Oper

Schön, dass es zwischen den ganzen Operetten-Erfolgen an der Komischen Oper auch schwerverdauliche Brocken wie Bernd Alois Zimmermanns Soldaten oder jetzt Moses und Aron gibt! Dass Zwölftonmusik grooven kann, ist eigentlich kein Geheimnis mehr, trotzdem ist es immer wieder erschreckend, wie manche Philharmoniker- und Konzerthaus-Abonnenten noch jeden Schönberg oder Anton Webern, uralte Musik also, niederhusten. Diese Gefahr besteht in der Komischen Oper nicht, denn Barrie Kosky macht auch dem Dodekaphonie-Muffel ein niederschwelliges Angebot. Das ist auch 2015 noch ein großes Verdienst!

Der Witz liegt nahe, in Schönberg Moses, der den reinen Gedanken schaut, und in Kosky Aron zu sehen, der ihn mit vielen Sperenzchen der bornierten Masse schmackhaft macht, auf die Gefahr hin, mit all diesen Zaubereien den Zauber des Ganzen auszulöschen. Die Komische Oper tut alles, um ihren Gast unter Schönberg nicht leiden zu lassen, am Ausgang bekommt er zwecks Rekreation sogar eine Praline geschenkt. (Die Frau des Konzertgängers packt auch welche für Kinder und Schwiegermutter ein, die zuhause warten.)

Die Musik ist es nicht, die Moses und Aron so sperrig macht, zumal wenn sie so brillant klingt wie unter Vladimir Jurowski, den der Konzertgänger mehr bewundert als alle Berliner-Philharmoniker-Chefdirigenten-Aspiranten zusammen (außer Chailly). Der Tanz ums Goldene Kalb ist fetzig wie Chatschaturjans Säbeltanz; das Schlechte und Falsche klingt ja in jeder Oper aufregender als das Gute, Schöne, Wahre, da macht Schönberg keine Ausnahme; aber eigentlich fetzt alles.

Noch großartiger der Chor: Als Laie mag man sich gar nicht vorstellen, wie schwer schon der atonale sechsstimmige Beginn einzustudieren ist. Dass der Text der zu Moses sprechenden Jenseitsstimme einfach etwas aufgefächert wird, um ihn zu verfremden, aber dabei gut verständlich bleibt (anders als später bei Stockhausen oder Nono): ob dieser Einfall Schönbergs wirklich der Weisheit letzter Schluss war, ist eine andere Frage. Die ganze Idee, über den todernsten Zwiespalt zwischen reinem Gedanken und prächtigen Bildnis ausgerechnet eine Oper zu komponieren, ist so bizarr, dass man sie nur bewundern kann. Dass sie unvollendet geblieben ist, scheint fast zwingend. Dieses Thema macht die Oper so sperrig, und natürlich Schönbergs Sprache, die schwülstig und abstrakt zugleich ist.

Das alles setzt ein gewisses Interesse an theologischen Fragen voraus, welches Kosky nicht im Übermaß zu haben scheint. Die Assoziation mit Waiting for God(ot), die Kosky mottoartig an den Anfang stellt, ist vielleicht etwas zu naheliegend. Vor allem aber stellt sie infrage, ob es bei Schönberg und Moses überhaupt um etwas geht oder nicht alles Gaukelei und (Selbst)Betrug ist. Das wäre aber zu billig.

Trotzdem hält die flotte Inszenierung den Konzertgänger in Atem: angefangen vom davonhuschenden brennenden Dornbusch in der Wüste (die hier durch Dr. Freud-Auslegware dargestellt ist; Moses-Dr. Freud wickelt sich am Anfang aus einem solchen Teppich und am Ende wieder hinein) über den Einfall, das göttliche Gesetz in die Haut des Empfängers blutig einzuritzen wie in Kafkas In der Strafkolonie, bis hin zum Leichenberg, in den der Berg Sinai sich am Ende der Goldenen Kalb-Orgie verwandelt hat. Diese grausige, aber auch effekthascherische Holocaust-Assoziation ist bestimmt überspitzt und angreifbar; sie lässt ja den Leichenberg aus dem Kerngeschehen der jüdischen Religion selbst hervorgehen. Aber wenn man bedenkt, dass Schönberg sich seinem Judentum und dem Moses-Stoff vor dem Hintergrund des grassierenden Antisemitismus zuwandte, wenige Jahre bevor er sich im Völkermord entladen sollte, ist es doch berechtigt, das ikonische Bild dieses Völkermords auf die Bühne zu bringen. Dem Konzertgänger schnürt sich alles zu, als Moses am Ende blutig vor dem Leichenberg ins Unsichtbare fragt, wie er zu Beginn am Dornbusch gefragt hat: Lässt du diese Auslegung zu?

„Moses und Aron“ in der Komischen Oper

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24.4.2015 – Auslegungssache: Schönbergs „Moses und Aron“ in der Komischen Oper

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