20.4.2015 – Epiphanisch: Grigory Sokolov spielt Bach, Beethoven, Schubert und sechs Zugaben

An Grigory Sokolovs jährlicher Epiphanie in Berlin nimmt der Konzertgänger immer teil. Wenn Sokolov das Podium betritt, wie er es ein Jahr zuvor verlassen hat, fragt sich der Konzertgänger: Was macht Sokolov, in welcher Form existiert er außerhalb des Konzertsaals? Schläft er, isst er? (Letzteres offensichtlich ja.)

Außerdem weiß der Konzertgänger, was Sokolov sonst macht: das Gleiche. Letztes Jahr hat der Konzertgänger ihn auch in Bozen gehört, mit demselben Programm wie vier Monate zuvor in Berlin, und im bescheidenen Ohr des Konzertgängers klang die Musik bei beiden Auftritten bis in die geringste Nuance vollkommen identisch. Was bei anderen Pianisten ein Einwand wäre, ist bei Sokolov ein Güte- oder sogar Wahrheitssiegel: Sokolov ist der unspontanste Pianist der Welt, ein sachlicher Prophet, der ein Jahr lang seinem Programm dient.

Das Berliner Publikum nervt diesmal nicht ganz so schlimm wie vor einem Jahr, als Handys klingelten und sich mitten in einer Chopin-Mazurka mehrere Sekunden lang eine Live-Reportage aus der Champions League einschaltete. Aber jedes Husten ist eins zu viel. Ob Sokolov es wahrnimmt, ist allerdings unklar, so versunken ist er in seine Musik.

Im Jahr 2015 beginnt er mit der 1. Partita B-Dur von Johann Sebastian Bach. Unberührt von schnöden Diskussionen über historisch korrekte Spielweisen lässt Sokolov seinen Steinway im unverkennbar sanften Sokolov-Ton singen. Der Konzertgänger kann sich nicht vorstellen, dass es schöneres Klavierspiel geben kann; er solle doch zuhause mal so spielen wie dieser Sokolov, fordert seine Frau ihn auf (nach der Partita, denn wie immer schließt Sokolov alle Sätze ohne Pause aneinander).

Während der Konzertgänger sich noch fragt, ob Sokolovs Schönheitsstrom auch für den frühen Beethoven taugt, wird er bereits eines Besseren belehrt: in Beethovens 7. Sonate D-Dur (eine vor der Pathétique) sind alle Kontraste da, alle Zerrissenheit, das Bizarre, aber alles in vollkommener Klangschönheit. Ein Paradox. Im 2. Satz, von dessen Dunkelheit die Sonate sich auch in den folgenden helleren Sätzen nicht mehr erholt, erinnert ihn das wiederkehrende d sogar an den 153fach wiederkehrenden Ton in Ravels Galgenstück in Gaspard de la nuit (obwohl es da ein b ist).

Der Schlusssatz mit seinem läppischen, sofort abbrechenden Lalala-Thema ist eins der seltsamsten Rondos, auch wenn der Konzertgänger bei Joachim Kaiser gelesen hat, es sei nur ein Witz, habe nicht das Gewicht der anderen Sätze, überhaupt sei diese Sonate keine Finalsonate wie spätere. (Kaiser hat in seinem Große Pianisten-Buch auch geschrieben, Sokolov sei ehrgeizig und unausgeglichen; das ist aber schon ein paar Jahrzehnte her.) Das ständige Stehenbleiben, schließlich der leichtfüßig huschende Schluss, ebenfalls auf einem einzelnen D endend, ist nach den emotionalen Eruptionen des 2. Satzes äußerst verstörend.

Steinway, auf dem Sokolov soeben Beethovens 7. Sonate gespielt hat
Steinway, auf dem Sokolov soeben Beethovens 7. Sonate gespielt hat

Nach der Pause Schubert: die Moments Musicaux berühren den Konzertgänger mehr als vor einigen Tagen beim klugen András Schiff, aber das ist keine Überraschung. Alles was der Konzertgänger atemlos zu ahnen meint, wenn er die Stücke am heimischen Blüthner verhunzt, scheint ihm bei Sokolov letztgültig entfaltet. Schon das erste Stück als Moment zu bezeichnen, ist natürlich ein (himmlischer) Witz, es klingt hier wie ein ewiger Moment. Wie die Beethoven-Sonate voller Unisoni.

Voller Unisoni von Beginn an erst recht die düster beginnende a-Moll-Sonate D 784: als wollten beide Hände sich gegen die bedrängende Akkordwucht stemmen. Eine Träne beim Konzertgänger, als das Seitenthema, das zunächst vergeblich angesetzt hat, sich aussingt. Wunderschön der Wechsel von Scarlatti-Sausen und Gesang im Schlusssatz. Schubert und Sokolov erscheinen dem Konzertgänger zutiefst verwandt, weil sie ihre gigantischen Kräfte nie an Virtuosenmusik verschwenden.

Nur die Unwissenden und Blasenkranken verlassen den Saal nach dem Ende des angekündigten Programms. Der Sokolovgänger weiß, dass nun sechs Zugaben folgen werden; der Maestro würde diese sechs Stücke auch vor einem leeren Saal oder während des Weltuntergangs spielen. Nach jeder Zugabe verneigt Sokolov sich in zwei Richtungen, geht hinaus, kommt herein, verneigt sich erneut zweimal, geht wieder hinaus, kommt wieder herein, verneigt sich nun nur einmal und spielt die nächste Zugabe. Dieses Jahr fünfmal Chopin (Mazurken und Regentropfen) und zum Schluss Debussys Canope aus den Préludes.

Nächstes Jahr wird der Konzertgänger, so Gott will, wieder zu Sokolov gehen und wieder ins Schwärmen geraten; was er sonst nie tut, denn Schwärmen ist ungebildet, aber vor Sokolovs Kunst schämt der Konzertgänger sich dessen nicht.

Foto(4)

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Jetzt schon an 2016 denken!

Digitaler Tempel der Sokolov-Jünger

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