18. und 19.4.2015 – Für Jung und Alt: Widmann, Grieg und Strawinsky mit Nagano, Lugansky, DSO und Rundfunkchor

Wenn Kent Nagano nach Berlin kommt, fehlt der Konzertgänger nie. Er ist vielleicht kein glühender Fan wie die ältere Dame im Kent-T-Shirt, aber er mag Naganos unbedingte Seriosität. Ein Programm wie am Samstagabend kann gar nicht langweilig sein, selbst wenn schlecht gespielt würde, aber bei Nagano wird natürlich gut gespielt.

Der Mittelpunkt des Programms steht am Anfang: Jörg Widmanns Babylon-Suite (nach der Oper von 2012) als deutsche Erstaufführung, am Sonntagmorgen gleich nochmal als deutsche Zweitaufführung, diesmal im Kinderkonzert. Nach dem Konzert lässt Nagano sich geduldig fotografieren, gibt Auskunft, schreibt Autogramme; als seine ungeduldige Agentin die immer weiter herandrängenden Kinder grollend zu verscheuchen sucht, sagt er leise: „No, I can do all of these.“

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Widmanns Musik hat das kindliche Publikum begeistert, nicht nur wegen Christian Schruffs gewohnt kindgerechter Moderation und der einfallsreichen, hervorragend eingeübten Darbietungen einer 5. Klasse der Grundschule unter den Kastanien aus Lichterfelde, die sich monatelang mit Widmanns Musik beschäftigt hat – schön, dass es in Deutschland solchen Musikunterricht gibt! Widmanns überbordende Musik (mit 51 Schlaginstrumenten vom Chinesischen Becken bis zum Waldteufel) muss jedem gefallen: vom Kind, das diese Pracht und Energie bestaunt, über die Eltern und Großeltern, die mitstaunen, bis zu den vielbeschäftigten Musikern, die erkennbar Freude haben, solche Klangfülle hervorzubringen. Kein Wunder, dass die großen Orchester mit Vorliebe Widmann (wie auch Rihm) spielen, um ihr Neue-Musik-Soll zu erfüllen. Nur Avantgarde-Puristen (aber gibt es die noch?) dürfte der Kamm schwellen, denn dieser Komponist schreckt vor nichts zurück.

Den Konzertgänger erinnert diese Opulenz an Richard Strauss, die Frau des Konzertgängers an Ennio Morricone. Tatsächlich hat das Werk viel von Filmmusik, aber es ist unendlich viel reicher, von unerschöpflicher Klangfantasie. Das ist das eigentliche Aha-Erlebnis: Solche fett aufgetragene Musik kann gut sein, auch heute noch. Das Gutenachtlied, mit dem Babylon zum jahrtausendelangen Schlummer im Wüstensand versinkt, hat etwas von Musical, aber es ist mit Widerhaken arrangiert, die es zum vielschichtigen Hörerlebnis machen. Die Musikfetzen des babylonischen Karnevals überlagern sich nicht, sondern erklingen säuberlich nacheinander, ein wohlgeordnetes Chaos; aber schließlich bricht die Musik in einem verschwindenden Cluster zusammen, ein faszinierender Klang. Sogar Kinderverse taugen bei Widmann zur Grundlage eines Klanggemäldes. Nur den totalen Bruch erlebt Widmanns Babylon nicht, es gibt Lärm, aber niemals Krach, weder Handyklingeln noch US-Marines kommen in dieser Welt vor.

Das Kinderkonzert beschränkte sich auf Widmann, im „großen“ Konzert am Samstagabend ging es weiter: Nur ein sanftmütiger Radikaler wie Nagano kann auf die Idee kommen, diese Musik mit Grieg und Strawinsky zu kombinieren – drei völlig verschiedene Musiksprachen, jede tritt an diesem Abend plastisch hervor. Der grandiose Nikolai Lugansky spielt Edvard Griegs Klavierkonzert mit unauffälliger Virtuosität, so konzentriert und klar, dass niemand auf die Idee kommen kann, diese nordische Romantik verstaubt zu finden. Die Frau des Konzertgängers stellt erfreut fest, dass sie den 1. Satz von der Klassik-Compilation kennt, die sie als Kind gehört hat.

Strawinskys Psalmensymphonie mit dem wie immer hervorragenden Rundfunkchor ist für den Konzertgänger der Höhepunkt des Abends. Das Stück fliegt vorüber, und doch erlebt der Hörer in ihr eine solche Gefühlsreise, dass er danach kaum glauben kann, dass das Stück nur zwanzig Minuten gedauert hat: von der klanglichen Härte (keine hohen Streicher, keine Klarinetten) des verzweifelten Gebets am Anfang über die helle, himmelsnahe Erhörung bis zum sanften Alleluia mit seinem ergreifenden, unfassbar weichen Schluss; der Konzertgänger meint zu schweben, noch lange nach diesem wunderbaren Konzert.

Zum Konzert

Kinderkonzerte des DSO

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18. und 19.4.2015 – Für Jung und Alt: Widmann, Grieg und Strawinsky mit Nagano, Lugansky, DSO und Rundfunkchor

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