16.4.2015 – Vielseitig: Anna Petrini Ensemble mit Blockflötenwerken aus fünf Jahrhunderten im Kammermusiksaal

Die Blockflöte ist dermaßen aus der Mode, dass sie klar an der Reihe ist, wieder in Mode zu kommen. Den Konzertgänger, der wie jeder deutsche Mensch diesseits des Greisenalters und jenseits der Jugend (denn auch in der Schule scheint sie aus der Mode gekommen zu sein) als Kind in die Blockflöte pusten musste, verwundert es immer wieder, dass man sie virtuos spielen kann. Zu Schulzeiten wurde dasjenige Kind von der Lehrerin am meisten gelobt, das nur so tat, als ob es reinpustete, denn aus seiner Richtung waren keine falschen Töne zu hören.

Die Schwedin Anna Petrini kann virtuos spielen, und sie ist die Ernsthaftigkeit in Person; mit ihrem kleinen Bäuchlein übrigens auch hübsch anzusehen (das Baby wird es schön haben da drin, immer mit Flötenklängen vor dem Bauch). Sie gastiert in Berlin im Rahmen der Debüt-Reihe von Deutschlandradio Kultur, die der Konzertgänger gern besucht, weil die Programme interessant und die Musiker gut sind und man günstig auf den besten Plätzen sitzen kann. Mit ihrem Ensemble spannt Petrini ein aufregendes Programm von früher Barockmusik bis zu zeitgenössischen Klängen mit vierkanaliger Live-Elektronik.

Leider, vielleicht aus technischen Gründen, ist das Programm strikt zweigeteilt: das Neue kommt später, zuerst das Alte, Sopran- und Altblockflöte gemeinsam drei brav wirkenden, hörbar kompetenten jungen Männern an Cembalo, Gambe und putziger Barockgitarre, die manchmal gegen die mächtige Theorbe getauscht wird. Das zwischen die alten Meister gesetzte Stück des 1971 geborenen Jesper Nordin mit seinen schwedenkrimimystisch schwelenden Sphären- und Schärenklängen über einem endlosen Gambenton mag man nicht als neue Musik bezeichnen, durchaus anhörbar, aber auch unterfordernd für Spieler und Hörer. Corellis für die flötespielende Königin Charlotte (die vom Schloss Charlottenburg) komponierte Sonate sprudelt runter, wie man es von Corelli erwartet. Aber schon die beiden folgenden Stücke des in England wirkenden Neapolitaners Nicola Matteis, eine innige Aria amorosa und das quirlige Ground after the Scotch Humour, packen den Konzertgänger, rhythmisch aufregend und harmonisch immer wieder überraschend, zudem viel kommunikativer zwischen den Instrumenten.

Den Höhepunkt für den wahren Blockflötenfreund bilden natürlich Solostücke des blinden Niederländers Jacob van Eyck, dessen Der Fluyten Lust-hof sozusagen das Alte Testament des Blockflötenspiels ist (das Neue steht noch aus, für die Flöte gibt es keinen Beethoven); es ist faszinierend, wie in van Eycks Stücken aus wenigen Tönen eine große, immer virtuosere Beschleunigung und Steigerung wächst. Ähnlich fühlt sich Vivaldis abschließende Follia an, aus getragenem Sarabanden-Thema entsteht ein großer, abwechslungsreicher Klangwirbel.

Der zweite Konzertteil beginnt enttäuschend, denn der Konzertgänger war sehr gespannt auf die verheißungsvoll angekündigte mächtige Paetzold-Kontrabass-Blockflöte, einen großen unschönen Kasten, sehr passend auch IKEA-Flöte genannt.

Es wäre schön gewesen, erst einmal zu hören, wie das Ding pur klingt, aber Anna Petrini, die sich in der Pause umgezogen hat (schwarzes Kleid), führt es gleich elektronisch verstärkt bzw verfremdet vor. Es blubbert, brodelt, klopft, pustet, schnalzt, das klingt wie ein durchgedrehtes Didgeridoo oder Darth Vader auf Speed. In einer alten Bunkeranlage mit Flaschenbier und Videoinstallationen ginge das, aber so nackt im Kammermusiksaal klingt es bald öde. In den beiden Meeresstücken von Malin Bång und Fausto Romitelli fließen atmosphärische Geräusche, aber die mechanischen Reize ertrinken in der elektronischen Verstärkung; es ist, als würde ein Klavier mit Dauerpedal gespielt. Zudem klingt die Mono-Elektronik dieser beiden Stücke (Lautsprecher über dem Podium) nach 50er-Jahre-Frühzeit, also ziemlich verstaubt. Keine Spur von den klanglichen Möglichkeiten, die die neue Live-Elektronik bietet, aber auch keine Spur vom elektronikfreien geisterheerhaften Reiz eines Helmut Lachenmann, der uns durch pure Mechanik Instrumente fremd macht, die wir kennen.

Die Erlösung kommt, wie es der Konzertgänger schon in anderen Konzerten mit Neuer Musik erlebt hat, mit einem Werk von Simon Steen-Andersen, ohne IKEA-Flöte, dafür mit Slide-Whistle (Kolbenflöte), einem aufgemotzten Kinderinstrument, das mit Stäbchenziehen und –schieben lustige Glissandi hervorbringt; der Witz besteht im parallelen Strich, mit dem eine Geige als Partnerin ihre Glissandi erklingen lässt. Aus diesem Dialog entwickelt sich ein schrulliger, spritziger, auch tänzerischer Dialog der beiden Instrumente. Steen-Andersen komponiert anspruchsvolle, dennoch komische und zugängliche Stücke, die sich ohne jeden erläuternden Kommentar auch dem unerfahrenen Hörer erschließen; früher hätte man sowas inspiriert genannt.

Zum Abschluss zeigt Oscar Bianchis Werk Crepuscolo doch noch, was in der Live-Elektronik und in der Paetzold-Kontrabassflöte steckt. Die eingefangenen Klänge des Kastens schweben, kreisen, sausen um den faszinierten Hörer (Live-Elektronik: Mats Erlandsson, ein cooler Lulatsch, der Teodor Currentzis ähnelt). Jetzt hat Anna Petrini uns doch von der IKEA-Flöte überzeugt. Von der Blockflöte an sich ohnehin.

Zum Konzert

Anna Petrini

Die Paetzold-Kontrabassflöte kann man auch kaufen!

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16.4.2015 – Vielseitig: Anna Petrini Ensemble mit Blockflötenwerken aus fünf Jahrhunderten im Kammermusiksaal

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