15.4.2015 – Durchdacht: András Schiff spielt Schubert in der Staatsoper im Schillertheater

Schuberts Drei Klavierstücke sind Musik, nach der eigentlich nichts mehr kommen kann: so voller Furcht, Frieden, Schrecken, Glück ist diese eigenartige Sammlung. Endzeit-Stimmung. Der gehetzte Galopp im ersten Stück, das gespenstische Pianissimo, in dem das Moll-Intermezzo des zweiten Stücks heranrollt, erschüttern immer wieder. Vielleicht ein Klischee, aber der Konzertgänger hört in diesen Stücken natürlich den Tod. András Schiff liegt das Weihevolle fern, er zelebriert nicht das Späte und Letzte, das hat er schon bei den drei Konzertabenden mit Letzten Sonaten von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert im vergangenen Winter im Kammermusiksaal bewiesen. Und so setzt er auch heute die Drei Klavierstücke ans Ende des ersten Konzertteils, dem nach der Pause noch die Moments musicaux und die Impromptus D 935 folgen werden, jede Menge Leben.

Aber auch seine letzten drei Sonaten hat Schubert ja noch Monate nach den Klavierstücken geschrieben, in diesem unbegreiflichen Schaffens- und Todesjahr 1828. Und bereits das letzte, aufs erste Hören monoton wirkende der Drei Klavierstücke in C-Dur hat etwas Irritierendes – weil es, anders als die beiden vorhergehenden Stücke, in seinem synkopischen Tanzen und Bumpern nichts von „letzten Klängen“ hat.

Dabei wären alle Zutaten für einen weihevollen Abend da: der Pianist im schwarzen Anzug am schwarzen Flügel auf schwarzer Bühne vor schwarzem Vorhang, und nichts als Schubert, fast drei Stunden lang. (Mit welchem Komponisten geht das noch? Der Konzertgänger hat vor kurzem einen ganzen Abend lang Werke von Nikolai Medtner gehört; das ging nicht, obwohl es verdienstvoll ist, Medtner zu spielen.) Das Schillertheater ist kein schlechter Ort für einen Klavierabend. Atmosphäre hat es ohnehin. Es gibt nicht so viele schlechte Plätze wie im Kammermusiksaal, wo die Hälfte des Publikums nur den Klavierdeckel anstaunen kann, und der Klang scheint nicht so zu flattern wie auf manchen Plätzen im Konzerthaus.

Der Konzertgänger saß weit weg, hoch oben im Rang, die billigste Kategorie, ein guter Platz. Die trockene Akustik verhindert das Fließende, Schmeichelnde, Ausgleichende und betont trotz Schiffs weichem Anschlag das Klopfende, Pochende, Hämmernde, ja Hölzerne. Es klingt nicht nach Steinway, obwohl Schiff diesmal auf einem Steinway spielte und nicht auf seinem bevorzugten, sperriger und nuancenreicher klingenden Bechstein, den der Konzertgänger anfangs zu hören meinte.

Ganz an den Anfang, vor die Impromptus D 899, stellte Schiff unangekündigt eine Art Vorspiel, das Allegretto c-Moll D 915 mit seinen geheimnisvoll aufrauschenden Akkordbrechungen. Beim 2. Impromptu Es-Dur betont Schiff die Linke viel stärker als Sokolov, von dem der Konzertgänger es zuletzt gehört hat, dadurch klingt es trotz des trockenen, manchmal harten Klangs viel gesanglicher. Beim 3. Impromptu Ges-Dur muss der Konzertgänger immer weinen, sofern es nicht verhunzt wird, was fast nie passiert, und bei Schiff schon gar nicht. Ebenso im 4. As-Dur, wenn die glitzernden Kaskaden in der Rechten zurücktreten und die schöne Melodie in der Linken aufsteigt.

Manchmal ist Schiff dem Konzertgänger zu zurückhaltend, etwa im 2. Moment musical in As-Dur; wenn der Konzertgänger zuhause daran herumdilettiert, fühlt er sich immer glücklich nah am Tod. So klingt es bei Schiff nicht. Schiff sagte einmal, Schuberts Musik verliere auf dem modernen Flügel mehr als jede andere Musik, und wenn man Schubert je auf einem alten Hammerklavier mit seinen verschiedenen Klangregistern gehört hat, etwa die zitherartigen Arpeggien im Diskant, kann man da nur zustimmen. Manchmal, wenn der Konzertgänger das Gefühl hat, dass Schiff die Extreme zu sehr scheut, wünscht er ihn ans Hammerklavier, das von selbst Extreme hervorbringt. (Auf seiner neuen Schubert-CD spielt Schiff einen Brodmannflügel von 1820.)

Aber auch wenn Schiff alles Gewaltsame fernliegt, ist sein Klavierspiel unendlich reich, alles ist durchdacht, keine melodische Linie geht verloren. Und er hat Humor (wenn auch keinen grimmigen), die zweite Variation im Rosamunde-Impromptu in B-Dur klingt wunderbar spleenig.

Zwei Zugaben: die Ungarische Melodie, an der laut Schiff nicht viel Ungarisches ist, und einer von etwa einer Million Schubert-Tänzen, der Grazer Galopp, durch den allein Schubert nicht unsterblich geworden wäre.

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