6.4. 2015 – Mitreißend: Händels ‚Messiah‘ im Concertgebouw mit Pieter Jan Leusink und dem Bach Choir & Orchestra of the Netherlands

Für den Konzertgänger hat sich am Ostermontag der Traum erfüllt, ins Concertgebouw zu gehen. Zwar nicht zum Koninklijk Concertgebouworkest, aber darauf kommt es nicht an, das kommt eh oft nach Berlin; es geht ums Haus, den Grote Zaal. Der soll ja der beste der Welt sein, neben dem Musikverein (da war der Konzertgänger schon).

Statt Mariss Jansons also Pieter Jan Leusink und The Bach Choir & Orchestra of the Netherlands, englischer Name, natürlich viele Touristen da. Der niederländische Gastgeber des Konzertgängers, ein Den Haager Ministerialbeamter, hat gesagt, der Leusink sei so ein kommerzieller Typ. Am Eingang bekommt jeder Besucher ein peppiges Hochglanzheft mit allen Konzertterminen (Matthäuspassion und Messiah von Amsterdam bis Zwolle, die Matthäuspassion sogar noch am Ostersonntag) und CD-Bestellzettel in die Hand gedrückt, darunter Klassiek voor iedereen zum Preis von € 15,- i.p.v. € 25,-

Das Titelblatt hebt gekonnt die Ähnlichkeit von Händel und Leusink hervor:

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Ehrfurcht, Staunen und Sympathie schon im engen Eingangsbereich, dann an den Garderobenhaken im Treppenhaus, wo man selbst seine Jacke aufhängen kann. In der Pause erneut Ehrfurcht, Staunen und Sympathie: Alle Getränke sind frei. Der Eintritt ist zwar höher als in Berlin, aber der kostenlose Espresso macht das wett, die Gewissheit stellt sich ein: Die Welt muss werden wie die Niederlande.

Man müsste auch mal die niederländischen Komponisten kennenlernen, die im Saal in goldenen Lettern zwischen Bach, Beethoven und Brahms verewigt sind: Verhulst, Pijper, Wagenaar… Und wieder Ehrfurcht beim Gedanken an den vermauerten Hohlraum, der unter dem Holzboden liegen soll, auf dem wir uns befinden, und der für die großartige Akustik entscheidend sein soll.

Der Messias wird auch auf Englisch gegeben, aber das gehört sich ja so. Die historisch korrekte kleine Streicherbesetzung könnte das wahrscheinlich mit verbundenen Augen und ohne Dirigent spielen, aber Leusink feuert sie von der ersten Sekunde gewaltig an, und er reißt alle mit, das Publikum sowieso. Die deutlich sichtbaren Hosenträger unter dem Jackett zum Zerreißen gespannt, die gewaltige Plauze wogt und wabert (wo kommt die her, wenn er täglich in diesem Stil dirigiert?), Leusink rudert, als gehe es um sein Leben, rennt und springt, scheint Luftgitarre zu spielen, er erinnert an einen ergrauten Metal-Star, der mit seiner Power jeden 20jährigen in der Pfeife raucht. Natürlich reißt zwischendurch auch einer Geigerin die Darmsaite, spielt sie halt auf 3 Saiten! Sogar die hübsche Bratschistin muss manchmal lachen, aber das Ergebnis spricht für sich, es klingt großartig.

Der erste Solist tritt aus den Reihen des Chors hervor, ähnlich beleibt und etwas heruntergekommen wie der Dirigent, nur jünger, und siehe, es ist sein Sohn, der Tenor Martinus Leusink. Er singt wunderbar das Comfort ye my people, und bei der Arie Ev’ry valley shall be exalted dreht er sich langsam im Kreis, um es in alle Richtungen zu verkündigen, auch den billigen Plätzen auf dem Podium (die gar nicht so billig sind). Alle Sänger machen das, besonders überzeugend und bedrohlich der graubärtige Bass Andrew Slater, ein klangschön donnernder Prediger. Als ihm später, im Behold, I tell you a mystery / The trumpet shall sound, die Spannung für einen Moment verloren geht, springt ihn Vater Leusink sofort an, faucht und fuchtelt ihm ins Gesicht, der Prediger faucht zurück, sofort vibriert und zittert es wieder, zwischendurch denkt man, gleich fliegt die Decke vom Concertgebouw.

Auch dank Händel! Von wegen gravitätisch! Der Konzertgänger stellt fest, dass der Messiah keineswegs langweilig ist, wie er in jungen Jahren dachte. Die zweite Hälfte ist voller Steigerungswellen, die A capella-Einsätze des Chors, das Duett O death, where is thy sting?, die Solo-Violine in der letzten Arie If God be for us. Viele Besucher freuen sich, als das berühmt-berüchtigte Hallelujah! ertönt, aber wie überwältigend dieses Halleluja mit erstmals hinzutretender Pauke und Trompete ist, merkt man erst, wenn man es im Gesamtzusammenhang des Messiah hört. Auch hier kommt die lustige Note nicht zu kurz, der vorne stehende Trompeter Frank Anepool ist genauso lang und dünn wie seine Barocktrompete.

Auch die anderen Sänger überzeugen, die schönen Soprane Jana Mamonova und Olga Zinovieva und der Countertenor Sytse Buwalda, auf den die Frau des Konzertgängers besonders gespannt wartet, seit sie sein Bildnis erblickte:

Sytse Buwalda

Zu ihrer Enttäuschung trägt er die Haare heute zum Pferdeschwanz gebunden, aber das ist das einzige, was man ihm vorwerfen kann. Er singt innig, schön, berührend.

Der Konzertgänger hat seinem niederländischen Gastgeber, dem Den Haager Ministerialbeamten, am Abend gesagt, dass der Leusink vielleicht kommerziell, aber jedenfalls großartig ist.

Zu Pieter Jan Leusink

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