13.4.2015 – Familiär: Sibelius‘ Violinkonzert und Bruckners Sechste in der Philharmonie mit Barenboim, Kremer und der Staatskapelle

Der Konzertgänger fühlt sich in Konzertsälen sowieso heimisch, aber bei Daniel Barenboim ist es jedes Mal besonders familiär. Er ist eins mit seiner Staatskapelle, und wenn andere Weltberühmtheiten ihn besuchen, sei es Martha Argerich oder Zubin Mehta, ist da sofort eine Atmosphäre alter, durch nichts zu erschütternder Freundschaft und Vertrautheit. Man ist dankbar, dass man dabei sein darf.

Wenn der große Gidon Kremer kommt, spürt man diese Verbundenheit noch stärker, schließlich war Kremer einst mit Barenboims heutiger Frau, der großen Elena Bashkirova, verheiratet, als Barenboim noch mit der großen Jacqueline du Pré verheiratet war. Gemeinsam erscheinen sie, und nach dem Violinkonzert von Sibelius versucht Kremer, Barenboim zum Applaus aufs Podium zu zerren, aber Barenboim schiebt ihn allein hinauf; schließlich, als Kremer ihn doch hochgezerrt hat, versteckt Barenboim sich hinter seinem Rücken, auf dass der Applaus nur Kremer gelten möge. Und seiner Staatskapelle sowieso.

Bei Sibelius hat Kremer mehr die Klangschönheit als rhapsodische Leidenschaft hervorgehoben, was dem Konzertgänger gut gefiel. Die Pianissimo-Passagen waren berückend schön, leider wurde schon der zärtliche Anfang durch einen röchelnden Zuhörer versaut. Wie kann man so verworfen sein, da zu husten; lieber sterben. So geht es leider weiter, aber Barenboim und Kremer ertragen es mit Contenance und warten zwischen den Sätzen, bis Berlin sich ausgehustet hat.

Als Zugabe spielt Kremer das neu komponierte Requiem für die Ukraine eines gewissen Loboda, von dem der Konzertgänger noch nie gehört hat; ein ausdrucksstarkes Stück, das ihn an Lutosławskis Trauermusik erinnert.

In der Pause blättert eine Dame mit auberginefarbenem Haar im Rossmann-Prospekt. Ein älterer Herr hat bei Kremer Leidenschaft vermisst. „So wie die Mutter!“ ruft er und lässt die Faust durch die Luft sausen. Der Konzertgänger fand es gut, wie es war.

Die Sechste, die es nach der Pause gibt, ist für den Konzertgänger Bruckners verwirrendste Symphonie, und sie sind ja alle verwirrend. Deshalb liebt er sie, die Sechste besonders. Barenboim betont das Drängende, Pulsierende vom ersten Moment an. Natürlich klingt es nicht so kammermusikalisch wie Chaillys Sechste bei den Philharmonikern, aber bei allem Feuer doch klar, transparent und relativ leise; heller als Blomstedts Sechste beim DSO. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Konzertgänger hoch oben im G-Block sitzt. In der Zeitung wird sicher stehen, dass Barenboims Bruckner zu laut sei, das schreiben sie immer. Für den Konzertgänger nicht. Er bewundert, wie eins Barenboim mit der Staatskapelle ist. Sehr schöner Bruckner.

Die Kombination Sibelius/Bruckner hat den Konzertgänger nicht überzeugt. Beide Stücke wirken additiv, aber auf so grundverschiedene Weise. Weder passen sie so richtig zueinander, noch erhellen sie sich gegenseitig durch den Kontrast. Marek Janowski wird es demnächst ähnlich machen, wenn er Bruckners Sechste mit Bruch kombiniert. Am besten gefiel dem Konzertgänger Chaillys Kopplung mit Mendelssohns Italienischer. Und die Gegenüberstellung mit Neuer Musik, wie Nagano es macht. Aber Bruckner klingt auch ohne das modern.

Zum Programm der Staatskapelle

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13.4.2015 – Familiär: Sibelius‘ Violinkonzert und Bruckners Sechste in der Philharmonie mit Barenboim, Kremer und der Staatskapelle

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